Deutsche Bibelgesellschaft

1. Petrus 2,2-10 | 6. Sonntag nach Trinitatis | 27.07.2025

Einführung in den 1. Petrusbrief

Der erste Petrusbrief wird den katholischen Briefen zugerechnet. Er wendet sich also nicht an Einzelgemeinden oder konkrete Personen, sondern hat umfassend alle im Blick, die an Christus glauben. Konkret richtet sich der Brief an verschiedene christliche Gemeinden in Kleinasien. Die fünf Kapitel des Mahn- und Ermutigungsschreibens sind in einem gehobenen Griechisch verfasst und von Textelementen gerahmt, die ihn als Brief erscheinen lassen.

1. Verfasser

Eine Mehrheit der Exegetinnen und Exegeten sieht den ersten Petrusbrief als pseudepigrafisch an, d.h. man geht davon aus, dass der Brief nicht von Petrus als dem wichtigsten Jünger Jesu geschrieben wurde, sondern dass sich der Autor des Briefes die Autorität des Apostels „leiht“. Ob der am Ende des Brieftextes genannte Sylvanus (1 Petr 5,12) als Sekretär oder Bote fungierte, ist umstritten.

Der Brief selbst lässt keinen spezifisch petrinischen und galiläisch geprägten Hintergrund erkennen. So stellt sich die Frage, ob es der Verfasser bewusst auf Durchschaubarkeit der Pseudepigrafie seines Schreibens angelegt hat. In diesem Fall würde der Autor mittels der Gegenüberstellung des ersten Wortes des Briefes (Petrus) und seines letzten Wortes (Christus) den Blick seiner Leserschaft in die für ihn entscheidende Richtung lenken: weg von der vermeintlichen Autorität eines fiktiven und zu Beginn genannten Autors hin zu Christus, dem allein wichtigen Inhalt, durch den und in dem abschließend alle genannten christlichen Gruppen verbunden sind.

2. Abfassungszeit

Eine vorausgesetzte, bereits entwickelte und etablierte Gemeindesituation sowie eine Notiz des Papias (ca. 60-163 n. Chr.) beim Kirchenvater Euseb (ca. 260-340 n. Chr.; h.e. III,39,17) und ein Bezug in 2 Petr 3,1 machen für die Entstehung des ersten Petrusbriefes ein Zeitfenster zwischen 70‑110 n. Chr. wahrscheinlich. Die bemerkenswerte Fülle der mit Selbstverständlichkeit gebrauchten alttestamentlichen Zitate und Anspielungen deutet auf einen im Judenchristentum beheimateten Autor.

3. Wichtige Themen

Die thematische Mitte des ersten Petrusbriefes bilden zum einen die Beschreibung des Lebens der Gläubigen als einer Existenz in der Fremde und zum anderen die Deutung des ungerechtfertigten Leids, das den Gemeindegliedern begegnet. Die Angehörigen der christlichen Gemeinde leben als Erwählte, die am himmlischen Erbe teilhaben, in einem von ihnen als feindlich erfahrenen Umfeld.

Ihr Leiden lässt die Adressatinnen und Adressaten des Briefes in die Nachfolge Christi treten und ist damit Ausweis ihrer Rettung. Für die bevorstehende Heilszeit wird ihnen Genugtuung verheißen.

Wie sich die Existenz der ersten Christusgläubigen in der Fremde vollziehen soll, wird u.a. in einer „Haustafel“ konkretisiert (1 Petr 2,18–3,7), die sich dezidiert an Sklaven und Ehegatten richtet. Über die genannten Personenkreise hinaus ist der Autor bestrebt, auch alle anderen ihm wesentlich erscheinenden Gemeindegruppen in und durch Christus zu vereinen: Christusgläubige und Personen heidnischer Herkunft, Frauen und Männer, Alte und Junge, Leidende und Jubelnde, Gemeindeleiter und Gemeindeglieder, Lebende und Tote. Mit der Erwähnung Letzterer beantwortet der Verfasser die Frage nach der Rettung derer, die vor und nach Jesu irdischer Existenz gestorben sind, ohne die Heilsbotschaft erfahren zu haben. Mit dem ins apostolische Glaubensbekenntnis eingegangenen Aufenthalt Christi im Totenreich (1 Petr 3,19) wird zeitunabhängig auch allen Verstorbenen eine Heilsoption eröffnet.

4. Besonderheiten

Taufe: Von der im letzten Jahrhundert vertretenen These, es handele sich beim ersten Petrusbrief (z.T.) um eine Taufpredigt, wurde wieder Abstand genommen. Der erste Petrusbrief möchte nicht die Taufe erklären oder deren Notwendigkeit begründen, sondern seine Intention ist es, unter Verweis auf die bereits fest in der Gemeinde verankerte Taufe auf die alle Zeiten übergreifende Rettung durch Christus zu verweisen. Er ruft die als Kinder Gottes wiedergeborenen Gläubigen auf zu einer missionarischen Existenz und zu einem Gott wohlgefälligen Lebenswandel.

Petrus und Paulus: Auch wenn eine spezifisch paulinische Diktion nicht durchgängig erkennbar ist, berührt sich der erste Petrusbrief u.a. mit Blick auf den stellvertretenden Heilserwerb durch den sündlosen Christus mit den als echt geltenden Paulusbriefen. Ungeachtet diverser Beziehungen lässt sich eine literarische Abhängigkeit zwischen dem ersten Petrusbrief und dem Corpus Paulinum oder den Evangelien nicht nachweisen. Indem der Autor sich mit seinen Schlussgrüßen selbst in Babylon ansiedelt (Chiffre für Rom; 1 Petr 5,13), macht er deutlich, dass er sein Schreiben in Rom verortet wissen möchte.

Literatur:

  • Müller, Chr. G., Der erste Petrusbrief (EKK XXI; Ostfildern, Göttingen 2022).
  • Ostmeyer, K.-H., Die Briefe des Petrus und des Judas (Botschaft des NT; Göttingen 2021).
  • Vahrenhorst, M., Der erste Brief des Petrus (ThKNT 19; Stuttgart 2016).
  • Wagner, G. / Vouga, F., Der erste Brief des Petrus (HNT; Tübingen 2020).

A) Exegese kompakt: 1. Petrus 2,2-10

Die Spur der Steine

2ὡς ἀρτιγέννητα βρέφη τὸ λογικὸν ἄδολον γάλα ἐπιποθήσατε, ἵνα ἐν αὐτῷ αὐξηθῆτε εἰς σωτηρίαν, 3εἰ ἐγεύσασθε ὅτι χρηστὸς ὁ κύριος. 4πρὸς ὃν προσερχόμενοι λίθον ζῶντα ὑπὸ ἀνθρώπων μὲν ἀποδεδοκιμασμένον, παρὰ δὲ θεῷ ἐκλεκτὸν ἔντιμον, 5καὶ αὐτοὶ ὡς λίθοι ζῶντες οἰκοδομεῖσθε οἶκος πνευματικὸς εἰς ἱεράτευμα ἅγιον ἀνενέγκαι πνευματικὰς θυσίας εὐπροσδέκτους θεῷ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ. 6διότι περιέχει ἐν γραφῇ·

ἰδοὺ τίθημι ἐν Σιὼν λίθον ἀκρογωνιαῖον ἐκλεκτὸν ἔντιμον,

καὶ ὁ πιστεύων ἐπ’ αὐτῷ οὐ μὴ καταισχυνθῇ.

7ὑμῖν οὖν ἡ τιμὴ τοῖς πιστεύουσιν, ἀπιστοῦσιν δὲ λίθος ὃν ἀπεδοκίμασαν οἱ οἰκοδομοῦντες, οὗτος ἐγενήθη εἰς κεφαλὴν γωνίας 8καὶ λίθος προσκόμματος καὶ πέτρα σκανδάλου· οἳ προσκόπτουσιν τῷ λόγῳ ἀπειθοῦντες εἰς ὃ καὶ ἐτέθησαν. 9ὑμεῖς δὲ γένος ἐκλεκτόν, βασίλειον ἱεράτευμα, ἔθνος ἅγιον, λαὸς εἰς περιποίησιν, ὅπως τὰς ἀρετὰς ἐξαγγείλητε τοῦ ἐκ σκότους ὑμᾶς καλέσαντος εἰς τὸ θαυμαστὸν αὐτοῦ φῶς· 10οἵ ποτε οὐ λαός, νῦν δὲ λαὸς θεοῦ, οἱ οὐκ ἠλεημένοι, νῦν δὲ ἐλεηθέντες.

1. Petrus 2,2-10NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

2 Begehrt wie eben geborene Säuglinge die vernünftige, unverfälschte Milch, damit ihr durch sie wachst zur Rettung.  3 Denn ihr habt gekostet, dass der Herr gütig ist.

4 Kommt zu ihm als zu einem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, bei Gott aber auserwählt und kostbar ist.  5 Lasst euch auch selbst wie lebendige Steine als ein geistliches Haus aufbauen zu einer heiligen Priesterschaft, um geistliche Opfer darzubringen, die für Gott durch Jesus Christus wohlannehmbar sind.

6 Denn es steht in der Schrift: „Siehe, ich setze in Zion einen Eckstein, auserwählt und kostbar. Wer an ihn glaubt, soll nicht zuschanden werden“ (Jes 28,16). 7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er eine Kostbarkeit. Für die Nichtglaubenden aber wurde „der Stein, den die Bauleute verwarfen und der zum Hauptstein geworden ist“ (Ps 118,22),  8 zu „einem Stein des Anstoßes und einem Felsen des Ärgernisses“ (Jes 8,14). Denn die, die dem Wort nicht gehorchen, stoßen sich daran, und dazu sind sie auch vorherbestimmt.

9 Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk zum Eigentum. Deshalb sollt ihr die Tugenden dessen verkünden, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht rief (Jes 9,1; Mt 4,15f.).  10 Ihr, die ihr einst Nicht-Volk wart, nun aber Volk Gottes seid; die ihr kein Erbarmen gefunden hattet, derer sich nun aber erbarmt wurde (Hos 2,1.23; Röm 9,25f.; 10,19).

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 2 Die Wendung ἀρτιγέννητα βρέφη („gerade eben geborene Säuglinge“) begegnet nur hier. ἀρτιγέννητος ist eine Verbindung des Adverbs ἄρτι (jetzt, gleich, sofort) mit dem von dem Verb γεννάω (zeugen) abgeleiteten Adjektiv γεννητός (gezeugt). Auch das griechische Wort für Säuglinge τὰ βρέφη (Neutrum Plural von τὸ βρέφος) erscheint vergleichsweise selten im Neuen Testament.

Das Adjektiv „logisch“ (λογικός – hier übersetzt mit „vernünftig“) wird vor die konstruiert wirkende Kombination der Verneinung von listig oder hinterhältig gestellt: ἄδολος setzt sich zusammen aus ὁ δόλος (List, Hinterhalt) und dem Alpha privativum (ἄ– wörtlich: „unlistig“; hier übersetzt mit „unverfälscht“). Scheinbar unpassend bezieht der Autor seine Wortbildung auf den als Muttermilch zu verstehenden Terminus τὸ γάλα.

2. Welche sprachlichen, stilistischen Elemente kommen zum Einsatz?

An keiner anderen Stelle des Neuen Testamentes ist in so wenigen Versen auf so vielfältige Weise und so häufig von Steinen die Rede (2,4–8). Dabei beginnt der Abschnitt scheinbar gegenteilig: Was gibt es zarteres und verletzlicheres als gerade geborene Säuglinge? Was ist schonender und verträglicher als reine Milch (2,2f.)?

Wie wird erzählt? Die Gläubigen werden als Neugeborene angesprochen, die wachsen müssen. Sie sollen nach den Worten des Evangeliums als ihrem Grundnahrungsmittel streben. Die christliche Lehre, die den neu zum Glauben Gekommenen vermittelt wird, ist vernünftig und ohne jede Nebenwirkung. Sie ermöglicht das Reifen der Neugeborenen.

Ihr Ziel ist die für sie bereitliegende Rettung (2,2b). Um sie zu erlangen, ist es nötig, dass sich die Neugeborenen in die Nachfolge Jesu nehmen lassen. Er ist der lebendige Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eck- und Schlussstein des ganzen Gebäudes geworden ist (2,4). Für diejenigen, die Jesus nicht nachfolgen, wird er zum Stein des Anstoßes (2,8). Christinnen und Christen sollen durch die „Steinnachfolge“ selbst zu lebendigen Steinen werden (2,5). Als solche bilden sie den geistlichen Tempel (vgl. 1Kor 3,16f.; 6,19) und verkörpern die zu Gottes Tempel gehörige heilige Priesterschaft (2,5). Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie Gott durch Jesus nicht materielle, sondern geistliche und wohlannehmbare Opfer bringt (2,5; vgl. EG 449,3).

Wie und womit wird argumentiert? Die Verse 2,6–8 begründen das besondere Wesen der Gläubigen als lebendige Steine mithilfe von Worten aus den Psalmen und dem Propheten Jesaja. Die Gläubigen verkörpern den geistlichen Tempel und die wahre Priesterschaft. Als lebende Steine des Heiligtums sind sie zugleich in die Pflicht genommen, sich zu einem geistlichen Haus aufbauen zu lassen, sich als Priesterschaft zu verstehen und geistliche Opfer zu bringen (2,5). Am Zion, dem Ort, an dem der Tempel lokalisiert wird, platziert Gott Christus als seinen auserwählten Schlussstein (2,6; Jes 28,16).

3. Theologische Akzentuierung

Was ist das Argument? Gott hat alle Gläubigen in ein neues Leben und zum Zion gerufen (2,6). Darunter auch alle diejenigen aus der nichtjüdischen Welt, die nicht am Stein bzw. am Wort Anstoß nehmen (2,8). Die gläubige Hinwendung zu Christus als dem kostbaren Stein wird zum Kriterium für Verwerfung oder Annahme (2,8). Nun ist es an den Gläubigen, dass sie die Tugenden dessen, der sie aus der Welt herausruft, in die Welt hineinrufen, d.h. dass sie seinen Ruhm verkündigen (2,9). Den an Christus Glaubenden werden alle Merkmale der Erwählung Israels zuerkannt. Das bedeutet, dass auch ehemalige „Heiden“, die vorher nicht zum Volk Gottes gehörten, nun als Gläubige auserwählt sind. Als durch Christus und für Gott Neugeborene und als geistliche Steine in der Nachfolge Christi haben sie Gottes Erbarmen gefunden, das sie vorher nicht hatten (2,10). 

Für heute bedeutet das, dass sich jede und jeder Einzelne als „lebendiger Stein“ zu verstehen hat (2,4f.) und auch von den anderen Gemeindegliedern als solcher wertzuschätzen ist. Die Gemeindeglieder sind entsprechend ihren jeweiligen Gnadengaben in die Verkündigung und den Dienst eingebunden. Die Noch-nicht-Gläubigen sind als Potenziell-zukünftig-Gläubige anzusehen.

Der Autor des ersten Petrusbriefes klärt die Rahmenbedingungen des Heils und macht deutlich, wer an diesem Heil teilhat (2,2b). Er zeichnet jedoch kein starres Bild der Heilsteilhabe, sondern steckt das „Spielfeld“ ab, auf dem sich christliches Leben zu bewähren hat. Was die ekklesiologischen Vorstellungen des ersten Petrusbriefes auszeichnet, ist deren Dynamik. Die Gemeinde ist kein auf ewig unveränderlicher, starrer Bau, sondern die Gläubigen bilden ein geistliches Haus aus lebendigen Steinen (2,5). Indem sie als heilige Priesterschaft bezeichnet werden (2,5b; vgl. 2,9), die geistliche Opfer bringt (2,5c), verdeutlicht der Autor, dass erst das Handeln der Gemeinde ihr Sein bestimmt.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Die Exegese arbeitet mit großer Klarheit die kontradiktorische Bildsprache der Perikope heraus. Das erwähnte zarte und bedürftige Neugeborene, das einen langen Prozess des Wachsens vor sich hat, steht in Spannung zur Rede von den Steinen. Steine repräsentieren stabile, statische und unbelebte Materie, die nicht auf Zuwendung oder Fürsorge angewiesen ist. Steine halten diversen Witterungen stand, bilden – geformt und zusammengesetzt – Häuser, Mauern und Brücken aus und symbolisieren Kontinuität. Steine werden der anorganischen und unbelebten Materie zugeordnet. Steine sind quasi unsterblich, bleiben vom Lauf der Dinge unberührt und zeigen keine Anzeichen von Vitalität. Spannend ist es vor diesem Hintergrund, wie die Metapher der Steine fortgeführt wird und durch die Rede von den „lebendigen Steinen“ und Jesus als Stein des Anstoßes, dem Eckstein, eine verblüffende inhaltliche Profilierung erfährt. Die markante Brechung des Bildes besagt, dass die Gläubigen, die Jesus nachfolgen, als lebendige Steine miteinander ein geistliches Haus ausbilden.

2. Thematische Fokussierung

Die Erfahrung einer von sogenannten multiplen Krisen erschütterten Gegenwart konfrontiert jede:n Einzelne:n mit der Frage, was im Leben Halt gibt. Die Covid-Pandemie und die russische Invasion in der Ukraine haben das Sicherheitsgefühl vieler Menschen nachhaltig beschädigt. Gegen die Pandemie, diesen Krieg und internationale Handelspolitik kann der Einzelne zugleich wenig ausrichten, was in vielen Menschen ein Gefühl der Ohnmacht hervorruft. Hinzu kommt für viele Predigthörer:innen die Wahrnehmung, dass auch die Kirche sich verändert und der beträchtliche gesellschaftliche Relevanzverlust Spuren hinterlässt: Gemeindehäuser werden aufgegeben und Pfarrstellen bleiben vakant. Kirchliche Angebote und Einrichtungen werden aufgrund des Rückgangs der personellen und finanziellen Ressourcen zurückgefahren oder eingestellt. Dass Kirchen aufgegeben, neuen Nutzungen zugeführt oder abgerissen werden, ist längst keine Seltenheit mehr. Zu solchen allgemeinen, öffentlichen Verunsicherungserfahrungen gesellen sich ungebetene persönliche Krisenerfahrungen, die biografisch mit dem Abbruch von Beziehungen, materiellen Sorgen oder Krankheit verbunden sind. Diese Rahmenbedingungen der Existenz sollten allerdings nicht im Mittelpunkt der Predigt stehen. Eine erschöpfende Darstellung der multiplen Krisen und eine pathetisch vorgetragene, letztlich regressive Angstlust würden die Perikope verfehlen. Der Predigttext geht von der Erfahrung des angefochtenen und brüchigen Lebens aus und spricht inmitten dieser Verunsicherung eine zarte Stärke an, die von einzelnen und miteinander verbundenen Menschen ausgeht. Als lebendige Steine taugen die Menschen dazu, etwas so Solides und Behagliches wie ein Haus zu errichten. Das Haus, das Sinnbild von Schutz und Geborgenheit ist, vermögen Menschen in der Orientierung am Evangelium zu erreichen.

3. Theologische Aktualisierung

Die Perikope bietet theologischen Stoff für verschiedene Vertiefungen in Auseinandersetzung mit dem kraftvollen Bild der lebendigen Steine. Dazu gehört erstens das Vertrauen, das Gott in die offenbar berufenen Menschen hat, sowie zweitens die Stärke der Menschen, die aus dem Vertrauen auf das Evangelium erwächst, und drittens ein Nachdenken über Kirche und die Bedeutung lebendiger Steine, die gemeinsam eine Glaubens- und Erzählgemeinschaft ausmachen, auf die die Weitergabe des Glaubens angewiesen ist. All diese Themen böten geeignete Aktualisierungen der Perikope, wobei sinnvollerweise in der Predigt ein Schwerpunkt gelegt wird. Aus der Perikope sprechen ein großes Zutrauen und eine Aufforderung an die Adressat:innen, lebendige Steine zu werden, indem sie sich an Jesus Christus, dem Schlussstein, orientieren. Von ihm geht eine Stärke aus und in der Nachfolge können die Menschen selbst eine große Stabilität gewinnen. Die Adressat:innen der Perikope und der dazugehörigen Predigt taugen dazu, lebendige Steine zu sein. Die Verse formulieren damit ein großes Vertrauen in die Menschen, die miteinander als lebendige Steine ein geistliches Haus aufbauen können. Von Gott auserwählt, dürfen sich die Menschen nicht von Anfeindungen und widrigsten Umständen unterkriegen lassen. Die adressierten Menschen sind zart wie Neugeborene, die noch wachsen, auf reichlich Fürsorge angewiesen sind und quasi vom Evangelium genährt werden. Zugleich sind sie stark und solide wie Steine. Die Perikope entwirft eine faszinierende Anthropologie, die der Ambiguität der menschlichen Lebenserfahrung nahekommt. Die Angewiesenheit und Bedürftigkeit der Menschen sind ebenso klar wie die Stärke, die viele Menschen aus dem Glauben gewinnen. Die Gläubigen werden einander in diesem Bild buchstäblich zu Stützen. Ihre schöpferische Stärke beziehen sie aus dem, was sie miteinander erreichen und schaffen, wobei der Eckstein dieses Hauses stützt und ausrichtet. Als Erzähl- und Glaubensgemeinschaft steckt darin auch ein ekklesiologisch tragfähiges Bild.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Das biblische Textensemble an diesem Sonntag kreist um das Gerufensein des Einzelnen von Gott mit dem Wochenspruch Jes 43,1 sowie der Lesung von Ps 139,1-12. In der Epistellesung Röm 6,3-8 und Mt 28,16-20 wird die Taufe thematisiert. Die Texte stimmen darin überein, dass sie sich damit auseinandersetzen, dass und wie Gott die Menschen ansieht. Gott nimmt den einzelnen Menschen wahr und beruft ihn zur Gemeinschaft mit sich und zur Gemeinschaft der Christen durch die Taufe. Die in den Texten artikulierte Vorstellung, dass Gott Menschen sieht, detailliert wahrnimmt und umgibt, wie es der Psalm 139 artikuliert, repräsentiert eine tröstliche Vorstellung. Der Predigttext knüpft an dieses Versprechen der Präsenz Gottes und der Berufung an. Die Adressat:innen werden in der Perikope als auserwähltes Geschlecht und als lebendige Steine angesprochen, womit die Gemeinschaft der Gläubigen betont wird, die gemeinsam als lebendige Steine ein geistliches Haus erreichten.

5. Anregungen

Die Rede von den lebendigen Steinen transportiert ein nachdenkliches Bild der Stärke der Menschen, die auch im Glauben Nahrung suchen. Hinter der vordergründigen Schwäche, Bedürftigkeit und Ohnmacht verbirgt sich eine immense Stabilität und schöpferische Kraft. Die Vorstellung, dass Menschen miteinander ein geistliches Haus ausbilden, ist ein tröstliches und ermutigendes Bild. Inmitten der Gefährdung und Anfechtung des eigenen Lebens wenden sich die Menschen nicht gegeneinander, sondern beweisen Vitalität in der Gemeinschaft, indem sie buchstäblich füreinander einstehen und sich aufeinander beziehen, so wie die einzelnen Steine nur miteinander eine Mauer hervorbringen. So stark wie Steine können die Menschen sein, wobei sie nicht statisch und unbelebt, sondern lebendig und sowohl aufeinander als auch auf Gott bezogen sind. Daraus spricht inmitten der multiplen Krisenerfahrung ein tiefes Vertrauen in die Menschen und den Glauben, der sie nährt. Für die Predigt könnte es hilfreich sein, dieser Spur des Zuspruchs zu folgen. Es gilt sich vor Augen zu führen, dass eine ambivalenzfreie und eindimensional formulierte Erfahrung des Zutrauens, die aus der Stärke erwuchs, leicht in den Kitsch abdriften kann. Es kann sich dennoch lohnen, exemplarisch in kurzen narrativen Sequenzen oder zwei bis drei wohlformulierten Fragen an die Predigthörer:innen (versehen mit Zeit zum Nachdenken) die lebens- und glaubenspraktische persönliche Wahrheit dieser Verheißung zu erschließen. In welcher Situation wurde einem ein anderer Mensch zu einem lebendigen Stein? Wann bin ich zuletzt einem anderen Menschen ein solcher Anker geworden, und in welcher Situation habe ich gespürt, dass Gott mich stärkt und gerade über mich hinauswachsen lässt?

Autoren

  • Prof. Dr. Karl-Heinrich Ostmeyer (Einführung und Exegese)
  • Prof. Dr. Sonja Keller (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500129

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