Josua 2,1-21 | 17. Sonntag nach Trinitatis | 12.10.2025
Einführung in das Buch Josua
Das Buch Josua
Die Gliederung des kanonischen Buches, in der seine drei Ausgaben übereinstimmen, kann in gröbster Form durch die beliebte Zweiteilung nachvollzogen werden: Landnahme
Jos 1,1–5,15 | Auftakt der Epoche mit dem Einzug unter Josua |
Jos 6,1–12,24 | Eroberung des Landes |
Jos 13,1–21,42 | Verteilung des Landes |
Jos 21,43–24,33 | Abschluss der Epoche mit Abschieden und Abschiedsreden |
Die Josua-Erzählung ist ihrerseits Teil eines übergreifenden literarischen Kontextes – oder genauer: literarischer Kontexte. Zum einen wird erst im Josuabuch vom Einzug Israels in sein Land
In dieser Scharnierstellung des Buches spiegelt sich seine Entstehungsgeschichte. Eine Josua-Erzählung, die die Konturen der vorliegenden kanonischen Darstellung aufweist, ist vermutlich erstmals durch eine deuteronomistische
Jos 1; *3–4 | Auftakt der Epoche |
Jos 6*; 7,2–5a; 8,1–29; 9*; 10; 11; 12* | Landnahme |
Jos 21,43–45; 22,1–6; 23*; Ri 2,6–10 | Abschluss der Epoche |
Im Darstellungsbereich der Landnahme wurde dabei augenscheinlich eine bereits erzählerisch gestaltete vor-dtr Überlieferung verarbeitet.
Die dtr Josua-Erzählung erfuhr diverse Erweiterungen auf dem Weg zum kanonischen Josuabuch. Zunächst sind hier sekundär-dtr Bearbeitungen zu nennen, wie sich z.B. an Jos 23
Redaktionelle Bearbeitungen von unterschiedlicher Reichweite (und von Belang für die von der Perikopenordnung vorgesehenen Predigttexte) sind am Anfang und am Ende des Buches feststellbar. Zum einen liegt in Jos 2,1–24
Neben und nach diesen Wachstumsstufen sind schließlich, wie in einer Überlieferung dieses Umfangs und Inhalts wenig verwunderlich, vielfältige lokale Fortschreibungen auszumachen. Darunter sind kleine und kleinste Zusätze, aber auch literarisch und theologisch durchaus gewichtige Stücke, allen voran die drei Exodusreminiszenzen
Angesichts dieser Entstehungsgeschichte des Buches ist auch die Frage nach seinem historischen Kontext nur im Plural zu beantworten. Die im Bereich Jos 6ff.
Literatur
- Gaß, E., 2023, Gott, Gewalt und die Landnahme Israels. Eine literarhistorische Analyse von Josua 9–12 (FAT 172), Tübingen.
- Krause, J.J., 2014, Exodus und Eisodus. Komposition und Theologie von Josua 1–5 (VT.S 161), Leiden / Boston.
- Krause, J.J., 2017, Hexateuchal Redaction in Joshua, in: HeBAI 6, 181–202.
- van der Meer, M.N., 2004, Formation and Reformulation. The Redaction of the Book of Joshua in the Light of the Oldest Textual Witnesses (VT.S 102), Leiden / Boston.
- Noort, E. (Hg.), 2012, The Book of Joshua (BEThL 250), Leuven.
- de Vos, J.C., 2003, Das Los Judas. Über Entstehung und Ziele der Landbeschreibung in Josua 15 (VT.S 95), Leiden / Boston.
Kommentare
- Fritz, V., 1994, Das Buch Josua (HAT 7), Tübingen.
- Knauf, E.A., 2008, Josua (ZBK 6), Zürich.
- Nelson, R.D., 1997, Joshua. A Commentary (OTL), Louisville.
- Noth, M., 21953, Das Buch Josua (HAT 7), Tübingen.
- Rösel, H.N., 2011, Joshua (HCOT), Leuven.
- van der Meer, M.N. / de Vos, J.C., 2025, Josua (IEKAT), Stuttgart (2 Bde.; in Vorbereitung).
A) Exegese kompakt: Josua 2,1–21
Unsere Vielfalt und der eine Gott
Übersetzung
1 Und Josua, der Sohn des Nun, sandte von Schittim heimlich zwei Männer als Kundschafter aus und sagte: Geht, seht das Land an und Jericho! Da gingen sie und kamen in das Haus einer Hure; ihr Name war Rahab. Und sie legten sich dort schlafen. 2 Das wurde dem König von Jericho berichtet: Siehe, in dieser Nacht sind Männer von den Israeliten hierhergekommen, um das Land auszukundschaften. 3 Da schickte der König von Jericho zu Rahab und ließ ihr sagen: Gib die Männer heraus, die zu dir gekommen sind, die zu deinem Haus gekommen sind! Denn sie sind gekommen, um das ganze Land auszukundschaften. 4 Die Frau aber nahm die beiden Männer und versteckte sie. Und sie sagte: Ja, die Männer sind zu mir gekommen, aber ich wusste nicht, woher sie kamen. 5 Als nun das Tor bei Einbruch der Dunkelheit geschlossen werden sollte, gingen die Männer hinaus; ich weiß nicht, wohin die Männer gegangen sind. Jagt ihnen eilends nach, auf dass ihr sie einholt! 6 Sie hatte sie aber auf das Dach hinaufgeführt und unter den Flachsstengeln versteckt, die ihr auf dem Dach aufgeschichtet waren. 7 Da jagten ihnen die Männer nach, auf dem Weg zum Jordan, bis zu den Furten. Und man schloss das Tor, sobald die, die ihnen nachjagten, draußen waren. 8 Und sie hatten sich noch nicht schlafen gelegt, da stieg sie zu ihnen auf das Dach. 9 Sie sprach zu den Männern: Ich weiß, dass Jhwh euch das Land gegeben hat und dass der Schrecken vor euch auf uns gefallen ist, so dass alle Bewohner des Landes vor euch mutlos geworden sind. 10 Denn wir haben gehört, dass Jhwh das Wasser des Schilfmeeres vor euch ausgetrocknet hat, als ihr aus Ägypten auszogt, und was ihr den beiden Königen der Amoriter getan habt, die jenseits des Jordan waren, Sihon und Og, an denen ihr den Bann vollstreckt habt. 11 Und wir hörten es, und unser Herz zerschmolz und jedem stockte vor euch der Atem, denn Jhwh, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf der Erde. 12 Nun aber schwört mir doch bei Jhwh, weil ich euch Güte erwiesen habe, dass auch ihr meines Vaters Haus Güte erweisen werdet! Und gebt mir ein zuverlässiges Zeichen, 13 dass ihr meinen Vater und meine Mutter und meine Brüder und meine Schwestern samt allem, was zu ihnen gehört, am Leben lassen und uns vom Tod erretten werdet! 14 Da sagten die Männer zu ihr: Wir bürgen mit unserem Leben für euch, es sei denn, ihr verratet diese unsere Sache. Und wenn Jhwh uns das Land geben wird, dann werden wir dir Güte und Treue erweisen. 15 Da ließ sie sie an einem Seil durch das Fenster hinunter; denn ihr Haus befand sich an der Stadtmauer und sie wohnte an der Stadtmauer. 16 Und sie sagte zu ihnen: Geht ins Gebirge, damit die Verfolger nicht auf euch stoßen, und verbergt euch dort drei Tage, bis die Verfolger zurückgekehrt sind! Danach geht eures Weges. 17 Da sagten die Männer zu ihr: Von diesem deinem Eid, den du uns hast schwören lassen, sind wir frei, wenn gilt: 18 Siehe, wenn wir in das Land kommen, sollst du diese rote Schnur in das Fenster binden, durch das du uns heruntergelassen hast, und sollst deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und das ganze Haus deines Vaters zu dir ins Haus versammeln. 19 Jeder, der aus der Tür deines Hauses nach draußen gehen wird, dessen Blut komme über ihn, wir hingegen werden unschuldig sein. Jeder aber, der bei dir im Haus sein wird, dessen Blut komme über uns, wenn Hand an ihn gelegt wird. 20 Auch falls du diese unsere Sache verrätst, so werden wir von deinem Eid frei sein, den du uns hast schwören lassen. 21 Da sagte sie: Wie ihr sagt, so sei es! Und sie entließ sie, und sie gingen weg. Sie aber band die rote Schnur ins Fenster. 22 Und sie gingen und kamen ins Gebirge und blieben drei Tage dort, bis die Verfolger zurückgekehrt waren. Die Verfolger aber hatten den ganzen Weg abgesucht und sie nicht gefunden. 23 Da kehrten die beiden Männer um, stiegen von dem Gebirge herab, überquerten [den Jordan] und kamen zu Josua, dem Sohn des Nun; und sie erzählten ihm alles, was ihnen begegnet war. 24 Und sie sagten zu Josua: Jhwh hat das ganze Land in unsere Hand gegeben; auch sind alle Bewohner des Landes vor uns mutlos geworden.
1. Ausgewählte textkritische Probleme und Hinweise zur Übersetzung
Der obigen Übersetzung liegt MT zugrunde. In Qumran haben sich nur sehr kleine Fragmente des Textes erhalten. Dafür bietet die Textgestalt der LXX einige Varianten im Vergleich mit MT, die in der Regel in kürzeren Fassungen bestehen. Die umfangreichste Abweichung weist V. 15 auf, wo der gesamte zweite Teil des Verses („denn ihr Haus befand sich an der Stadtmauer und sie wohnte an der Stadtmauer“) in LXX ohne Äquivalent ist. Verschiedentlich ist MT V. 15b als explikativer Zusatz eingeschätzt worden. Allerdings ist zu bedenken, dass der Standpunkt des Hauses an der Mauer erzählnotwendig ist und auch in V. 15a vorausgesetzt wird. Hinzu kommt, dass sich eine Kürzung des LXX-Übersetzers durchaus erklären ließe. Denn die Beschreibung in V. 15b setzt die Konstruktion eines Vierraumhauses voraus, dessen Querraum einen Teil der Kasemattenmauer der Stadt bildet. Diese typisch eisenzeitliche Bauweise wird dem in hellenistischer Zeit und wohl in Ägypten wirkenden Übersetzer wahrscheinlich nicht mehr geläufig gewesen sein.
2. Literarische Gestaltung
Jos 2 enthält eine in sich geschlossene, nach allen Regeln der hebräischen Kunst gestaltete Erzählung. Sie ist konzentrisch aufgebaut:
Jos 2,1a | Aussendung der Kundschafter durch Josua |
Jos 2,1b | Ankunft der Kundschafter bei Rahab |
Jos 2,2–7 | Rettung der Kundschafter durch Rahab, erster Teil |
Jos 2,8 | Aufstieg Rahabs auf das Dach |
Jos 2,9–11 | Bekenntnis Rahabs |
Jos 2,12–14 | wechselseitiges Solidaritätsabkommen |
Jos 2,15 | Abstieg der Kundschafter vom Dach |
Jos 2,16–21 | Rettung der Kundschafter durch Rahab, zweiter Teil + Versprechen der Rettung Rahabs |
Jos 2,22 | Abmarsch der Kundschafter von Rahab |
Jos 2,23–24 | Rückkehr und Bericht der Kundschafter gegenüber Josua |
Schon dieser Befund spricht dafür, dass die Erzählung in einem Wurf geschaffen worden ist und nicht, wie gelegentlich vermutet, durch die Zusammenfügung zweier Quellen oder die Ergänzung einer schmaleren Grundschicht entstand. Er spricht im Übrigen auch dafür, bei der Verlesung des Predigttextes die von der Perikopenordnung vorgegebene Abgrenzung geflissentlich zu ignorieren und den Hörer:innen die drei abschließenden Verse nicht vorzuenthalten.
3. Entstehung und Einordung
In sich ist die Rahab-Erzählung demnach als literarisch einheitlich zu beurteilen. Sie steht aber in Spannung zu ihrem dtr Kontext (zu diesem s.o., Einführung), wie gleich mehrere Indizien anzeigen: Zunächst ist zu bemerken, dass die Auskundschaftung Jerichos
Das eben angesprochene Bekenntnis Rahabs (Jos 2,9-11
4. Theologische Themen
Rahab ist von Juden und Christen gleichermaßen als Mutter im Glauben kanonisiert worden. Nach rabbinischer Überlieferung stammen Priester und Propheten von ihr ab (RutR 2,1; BemR 8,9 u.ö.), dem Matthäus-Evangelium zufolge gar der Messias (Mt 1,5
In dem Plädoyer für die Möglichkeit sozialer Integration Jhwh-fürchtiger Nicht-Israeliten, das Jos 2
Literatur
- Haarmann, V., 2008, JHWH-Verehrer der Völker. Die Hinwendung von Nichtisraeliten zum Gott Israels in alttestamentlichen Überlieferungen (AThANT 91), Zürich.
- Krause, J.J., 2014, Exodus und Eisodus. Komposition und Theologie von Josua 1–5 (VT.S 161), Leiden / Boston.
- Wacker, M.-T., 2020, Der Exodus-Landnahme-Zusammenhang Ex-Jos und die Figur der Rahab (Jos 2,1-24 + 6,17.22–25) – postkoloniale Perspektiven, in: Ballhorn, E. (Hg.), Übergänge. Das Buch Josua in seinen Kontexten (SBB 76), Stuttgart, 257–283.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Exegese von A hat mein eigenes Textverständnis an einigen Punkten deutlich erweitert:
Deutlich geworden ist mir, dass Rahab nicht zufällig als Prostituierte dargestellt wird. Vielmehr findet sich im Motiv der Hurerei eine Anspielung auf die Untreue des Volkes Israel gegenüber Jhwh (vgl. Num 25,1-5
Dass diese Perspektive, in der Rahab als Idealbild erschient, aber nicht die einzig mögliche ist, hat mir der Verweis auf die Beschreibung von Marie-Theres Wacker gezeigt (Rahab als „geradezu tragische Figur“). Wer Rahab nicht einfach nur als Puzzlestück in der Heilsgeschichte Israels wahrnimmt, sondern sich in ihre Lage hineinversetzt, entdeckt sehr schnell die Dilemmasituation, der sie sich ausgesetzt sieht: Sollte sie diese beiden Männer verschonen und damit die Sicherheit ihrer Landsleute auf Spiel setzen? Darf sie den Schutz ihrer Familie zum Preis des Todes vieler anderer erkaufen?
Weiterhin ist mir deutlich geworden, dass Rahab nicht vorschnell als „Israelitin ehrenhalber“ zu vereinnahmen ist, sondern sie als Jhwh-Verehrerin aus den Völkern doch eine Zwischenstellung innehat. Sie ist ein Mensch, der zum Jhwh-Glauben findet – ja; und doch bleibt sie, was die Zugehörigkeit zum erwählten Volk angeht, von ihm unterschieden.
2. Thematische Fokussierung
Ganz offensichtlich kreist die ganze Erzählung um die Figur der Rahab. Man wird an ihr nicht vorbeigehen können – und es wäre auch eine vertane Chance, würde man so verfahren.
Dabei fasziniert mich die Vielschichtigkeit, in der diese Frau dargestellt wird. Da sind die dreiste Lüge in V. 5, das vorbildliche Bekenntnis in V. 9–11, die Absicherung für sich und ihre Familie in V. 12f., und die Bereitschaft, sich auf „das Kleingedruckte“ einzulassen, das in den V. 17–21 von den Kundschaftern noch ausgehandelt wird.
Und dies alles vor dem Hintergrund, dass Rahab einerseits als Prostituierte als Person mit mehr als zweifelhaftem Ruf skizziert wird, ihr andererseits aber schon textimmanent, dann vor allem aber in der weiteren Wirkungsgeschichte eine hervorgehobene Rolle zukommt: als Vorfahrin Davids und als Urmutter von Priestern und Propheten bzw. des Messias selbst.
Die Figur der Rahab entzieht sich damit dem Klischee einer tugendhaften oder oberflächlich frommen Person. Wer die Dinge des Lebens gerne schwarz/weiß zu fassen versucht, wird an ihr keine Freude haben. Vielleicht ist sie uns aber gerade darin heute nah: weil viele Menschen in unseren Tagen ebenfalls den Eindruck haben, nicht in bestimmte fest definierte Schubladen zu passen. Phänomene eines diffusen Zugehörigkeitsgefühls zu Glaube und Christentum bei gleichzeitiger Distanz zur Institution etwa mögen dabei mit der Schilderung dieser alttestamentlichen Figur zusammenklingen.
3. Theologische Aktualisierung
Zunächst einmal ergeben sich zwei grundsätzliche Anknüpfungspunkte für den Gottes- und Christusbezug in der Predigt. Zum einen legt sich der Bezug nahe, der sich aus dem Stammbaum Jesu in Mt 1,5
Eine thematische Brücke erkenne ich in dem Motiv der Treue/des Glaubens der Rahab – gerade im Kontrast zum Zwielicht, in das sie durch die Schilderung ihrer Volkszugehörigkeit und ihre Tätigkeit als Prostituierte gestellt wird. Dabei hielte ich es nicht für angebracht, das reichlich abgedroschene Bild von dem Gott, der auch auf krummen Linien gerade schreibt, zu bemühen. Aber es ließe sich doch darüber reden, dass sich Gottes Heilsgeschichte manchmal auch inmitten aller Unvollkommenheit und eben nicht in Perfektion und Unanfechtbarkeit Bahn bricht. Rahab erkennt hier etwas von dem befreienden Gott Israels und riskiert viel, indem sie für ihn und sein Volk einsteht. Und trotzdem bleibt sie gefangen in den Dilemmata ihres Lebens: Dem Bekenntnis zum Gott Israels steht der Verrat ihres eigenen Volkes gegenüber. Auch ihr Leben bleibt so, wie sich auch unseres allzu häufig darstellt: spannungsvoll, dann wieder mit lichten Momenten, in der Hoffnung auf den Gott, der auch uns rettet, und doch unsicher, was die Zukunft bringen wird.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Dieses Predigtwort fügt sich harmonisch in den Textraum des 17. Sonntags nach Trinitatis ein. In allen Lesungen geht es um das grenzüberschreitende Heil, das von Israel ausgeht und auch die Völker erreicht.
Die engste Verbindung ergibt sich zur Evangeliumslesung (Mt 15,21-28
Das wiederum lädt in der Predigt ein zum Nachdenken über unser Umgehen mit Regeln und ihren Ausnahmen. Wie ist es mit den Menschen, die wir für kircheninkompatibel halten? Grenzen wir sie durch starre Regeln aus? Oder bleibt Raum dafür, dass sich auch bei diesen Menschen – unerwartet und als Ausnahme von der Regel – etwas von der Treue Gottes zu ihnen und bei ihnen wiederum etwas vom Festhalten an Gottes Zusagen zeigt?
Dabei lassen sich die Erzählungen von Rahab und der kanaanäischen Frau als Geschichten lesen, die gegen zwei Extremformen auch kirchlicher Identitätskonstruktion stehen: gegen das Bild einer hermetisch abgeschlossenen Institution, in der nur die Einlass finden, die ‚passig‘ sind, den richtigen Frömmigkeitscode mitbringen und sich ethisch einwandfrei positionieren und verhalten; aber auch gegen ein Verständnis von Kirche, das derart entgrenzt ist, dass eine Kontur oder Identität nur noch schwer zu greifen ist.
In den beiden hier genannten biblischen Erzählungen gibt es ein „Innen“ und ein „Außen“, gibt es beschreibbare Grenzen, die aber nicht hermetisch abgeriegelt sind, sondern durchlässig, permeabel, sodass Erweiterung und Austausch möglich sind.
5. Anregungen
Diese ausführliche Erzählung lädt ein zu einem narrativen Zugang. Vieles ist dabei in der Geschichte selbst angelegt. Wie immer gilt es bei narrativen Entfaltungen darauf zu achten, dass einerseits das, was der Text hergibt, nicht überlagert wird durch das, was im Rahmen der Füllung der Leerstellen eingetragen wird. Und andererseits wäre der letzte Schritt noch nicht getan, wenn sich eine solche Predigt in der Wiedergabe der Ereignisse der Vergangenheit verlieren würde und für die Hörergemeinde nicht erkennbar wäre, was all dies denn mit ihr zu tun hat.
Reizvoll könnte es auch sein, eine solche nacherzählende Predigt in einer fiktiven Situation zur Zeit Jesu anzusetzen und auf diese Weise zum Beispiel Evangelium und Predigtlesung, alttestamentliche Erzählung und ihre Wirkungsgeschichte miteinander zu verknüpfen.
Wichtig wäre im Sinne der Wahrung der Eigenart des Textes, dass die Spannungen, die die Erzählung – insbesondere in der Figur der Rahab – enthält, nicht einfach aufgelöst und in einfache Klärungen überführt, sondern aufrechterhalten werden.
So gilt es dann, erkennbar werden zu lassen, wie das Licht des göttlichen Heils an unerwarteten Stellen aufscheint und Menschen in seinen Bann zieht.
Autoren
- Prof. Dr. Joachim J. Krause (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Christoph Barnbrock (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500142
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