5. Mose 6,4-9 | Gedenktag der Reformation (Reformationsfest) | 31.10.2025
Einführung in das 5. Buch Mose
1. Bedeutung und Gegenstand des Buches Deuteronomium
Im antiken Judentum zählte das Deuteronomium
Das wichtigste Thema des Deuteronomiums ist die Forderung, dass Israel seinem Gott Jahwe
2. Entstehung des Buches Deuteronomium
Das Deuteronomium ist in einem jahrhundertelangen Prozess entstanden: Die ältesten Teile stammen wohl noch aus der letzten Zeit des Königreiches Juda (7. Jahrhundert v. Chr.), die jüngsten Texte wurden am Ende der persischen Zeit, vielleicht auch erst in der frühen hellenistischen Zeit verfasst (2. Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr.). Zu vereinzelten, aber inhaltlich gewichtigen Änderungen des Texts kam es noch in der fortgeschrittenen hellenistischen Zeit (2./1. Jahrhundert v. Chr.).
Die Forschung rekonstruiert die erste Ausgabe des Buches im Grundbestand von Kap. 12–25
Die im Deuteronomium vielfach leitende Konzeption des Bundes zwischen Jahwe und seinem Volk Israel hat den politischen Treueeid
1. die hethitischen Staatsverträge (davon v.a. die nicht-paritätischen Verträge zwischen dem Großkönig und seinen Vasallen) aus der Zeit des hethitischen Großreiches (ca. 1500–1200 v. Chr.);
2. die neuassyrischen Staatsverträge zwischen dem Großkönig und seinen Vasallen, teils auch seinen Untertanen (v.a. aus dem 8. und 7. Jahrhundert v. Chr.);
3 die aramäischen Staatsverträge der Inschriften, die im syrischen Sfire unweit von Aleppo gefunden wurden (8. Jahrhundert v. Chr.).
In der neueren Forschung rückte vor allem der neuassyrische Thronnachfolgevertrag des Königs Asarhaddon
3. Schriftgelehrte Fortschreibungen
Das Deuteronomium ist in einer Vielzahl von Schüben entstanden, ungezählte Schriftgelehrte etlicher Generationen wirkten an seiner Entstehung mit. Nahezu alle Kapitel sind nicht in einem Guss formuliert, sondern zeigen Hinweise auf Nachträge, mit denen die jeweils älteren Textanteile kommentiert und ergänzt wurden. Dieses Phänomen sukzessiver Fortschreibungen, das vielerorts im Alten Testament anzunehmen ist, hat im Deuteronomium eine eigentümliche Formelsprache erzeugt. Der deuteronomische Stil ist in einzelnen Wendungen oft eindrücklich, wirkt im Ganzen aber redundant und unübersichtlich. Dabei zeigt sich immer wieder, dass jedes einzelne Wort mit Bedacht gewählt ist. Vielfach lehnen sich die Fortschreibungen an andere Stellen im Buch an, wodurch ein dichtes Netz von Querbezügen entstanden ist.
4. Besonderheiten
Das Deuteronomium ist mit einer knappen, aber gewichtigen Rahmenerzählung verknüpft: In den Steppen von Moab
Literatur:
- Udo Rüterswörden, Art. Deuteronomium, in: Michaela Bauks / Klaus Koenen (Hg.), WiBiLex. Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet, https://bibelwissenschaft.de/stichwort/11481/
(aufgerufen am 04.02.2024). - Timo Veijola, 2004, Das 5. Buch Mose. Deuteronomium, Bd. 1: Kapitel 1, 1–16, 17, ATD 8,1, Göttingen.
A) Exegese kompakt: 5. Buch Mose 6,4-9
Wozu bekennt sich die Gemeinde? Was ist jedem einzelnen ihrer Glieder aufgetragen? Der Text antwortet auf diese Fragen. Das Šema‛ Jiśrā’el, gefolgt vom Gebot der Gottesliebe, ist zum Hauptbekenntnis des Judentums geworden. Jesus zitiert es als „das höchste Gebot“ (Mk 12,29
Übersetzung
4 Höre, Israel!
Jahwe (ist) unser Gott, Jahwe ist einzig!
5 Und du sollst Jahwe, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Lebenskraft und mit deiner ganzen inneren Stärke.
6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen auf deinem Herzen sein. 7 Und du sollst sie deinen Kindern wiederholen und sie hersagen, wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du liegst und wenn du aufstehst. 8 Und du sollst sie als Zeichen auf deine Hand binden, und sie sollen zu Merkzeichen zwischen deinen Augen werden. 9 Und du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und auf deine Tore schreiben.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 4: Syntax und genaues Verständnis der vier Worte in V. 4b יְהוָה אֱלֹהֵינוּ יְהוָה אֶחָד sind umstritten. Durch die Wiederholung des Gottesnamens יְהוָה „Jahwe“ und die parallele Struktur der beiden Teilglieder יְהוָה אֱלֹהֵינוּ und יְהוָה אֶחָד entsteht ein Rhythmus, der auf poetische Sprache schließen lässt. Am wahrscheinlichsten sind zwei syntaktische Modelle: Entweder handelt es sich um zwei parallele Sätzchen, die einander in ihrer Aussage entsprechen („Jahwe ist unser Gott, // Jahwe ist ’æḥād“). Oder es liegt ein gestaffelter Satz vor, der an die Form des Stufenparallelismus erinnert (vgl. z.B. Ps 93,3
V. 5: נַפְשְׁךָ֖ wörtl. „deine Kehle“, traditionell übersetzt mit „deine Seele“ (so schon Septuaginta), präziser „deine Lebenskraft“.
V. 7: Das der Form וְשִׁנַּנְתָּם zugrundeliegende שׁנן pi‛el wird meist metaphorisch mit „einschärfen“ wiedergegeben (z.B. Luther 2017), da die Bedeutung „scharf sein, schärfen“ für die Wurzel gut belegt ist (Gesenius18, 1395). Wahrscheinlicher aber ist שׁנן hier „Sekundärwurzel von שׁנה … mit der Bedeutung ‚ein zweites Mal tun, wiederholen‘“ (Veijola, 174 Anm. 318). וְדִבַּרְתָּ בָּם bedeutet wahrscheinlich nicht „und du sollst von ihnen reden“ (so das traditionelle Verständnis; z.B. Luther 2017: „und davon reden“), sondern „und du sollst sie aufsagen, rezitieren“. S.u. 3.: Literargeschichtliche und historische Einordnung.
2. Literarische Gestaltung
Das Deuteronomium, das fünfte und letzte Buch der Tora, handelt von der großen Rede, mit der sich Mose – vierzig Jahre nach dem Auszug aus Ägypten (Dtn 1,3
Mit dem Šema‛ Jiśrā’el (6,4) setzt Mose neu an: Er ruft Israel auf, zu hören (6,4a) und Jahwe zu lieben (6,5). Israel soll sich aneignen, was Mose dem Volk „an diesem Tag gebietet“ (6,6–9). Der üppige Reichtum des gelobten Landes, in das Jahwe das Volk bald führen wird, könnte Israel nämlich dazu verleiten, dass es Jahwe und seine Gebote vergisst (6,10–12; Kap. 8). In den mahnenden Predigten, die in den Kapiteln 6–11 auf die Perikope folgen, wird dabei immer wieder deutlich, wie entscheidend das Erste Gebot (5,6–10) ist.
Wiederholt warnt Mose davor, dass Israel sich von seinem Gott abwendet und an seiner Statt andere Götter verehrt (6,14; 7,4; 8,19; Kap. 9; 11,16.28 etc.). Die Gebote, die im Land zu befolgen sind (sie werden in Kap. 12–26 mitgeteilt), zielen darauf, dass Israel seinen Gott fürchtet (5,29; 6,24 etc.). Die Perikope Dtn 6,4-9
3. Kontext und historische Einordnung
Mit dem Aufruf „Höre, Israel“ (6,4a) begann wahrscheinlich die älteste Fassung von Moses Abschiedsrede. Oft wird vermutet, dass das Šema‛ Jiśrā’el mit den folgenden Geboten (6,4–9) die ursprüngliche Einleitung des deuteronomischen Gesetzes in Kap. 12–26 gebildet hat.
Das Bekenntnis in 6,4b hat wahrscheinlich eine eigene Geschichte gehabt. Darauf deutet die Form der Wir-Rede („unser Gott“), die im Deuteronomium sehr selten ist, und die poetische Gestalt. Weil das Bekenntnis von einer Gemeinschaft gesprochen wird, ist an einen gottesdienstlichen Sitz im Leben zu denken, in dem die Worte geprägt wurden.
Das Gebot der Gottesliebe (6,5) kam wahrscheinlich erst in einem zweiten Schritt in den Text (Veijola, Das 5. Buch Mose, 177). „Diese Worte“ in V. 6 meinten deshalb ursprünglich nur das kurze Bekenntnis von 6,4b: Nach V. 8–9 sollte auf Amulette, Türpfosten und Tore der Satz „Jahwe (ist) unser Gott, Jahwe ist einzig“ geschrieben werden. Durch das hinzugefügte Liebesgebot änderte sich der Bezug: „Diese Worte“ sind nun alles, was Mose dem Volk gebietet (mit 6,5 kam wahrscheinlich auch die Formel in 6,6 „die ich dir heute gebiete“ hinzu). Jahwe zu lieben bedeutet also, all das zu tun, was Mose dem Volk aufträgt.
Dass Moses Worte „auf dein Herz“ kommen (6,6), geschieht dadurch, dass sie vor den Kindern ständig wiederholt und im alltäglichen Leben (zu Hause und unterwegs, beim Liegen und Aufstehen) fortwährend hergesagt werden (6,7). Darin spiegelt sich die Praxis, die heiligen Texte durch hörbare oder halblaute Rezitation auswendig zu lernen und zu verinnerlichen – eine Praxis, die später auf die ganze Tora ausgedehnt wurde (Ps 1,2
Mit dem „Zeichen auf der Hand“ und den „Merkzeichen zwischen den Augen“ (6,8) dürften Amulette gemeint sein, mit denen man Schutz und Segen zu erhalten suchte (vgl. die in Jerusalem entdeckten Silberamulette von Ketef Hinnom mit dem Text des aaronitischen Segens). Die Aufschriften auf Türpfosten und Stadttoren (6,9) erinnern an Inschriften auf ägyptischen Tempeltoren. Durch sie wird jedes Haus und jede Stadt zum Heiligtum des Gottes Israels. In der jüdischen Sitte der Tefillin (Gebetsriemen) und Mezuzot (kleine Behälter am Türpfosten mit Pergamentrollen, auf denen Dtn 6,4-9
4. Schwerpunkte der Interpretation
Für das Bekenntnis von Dtn 6,4
Das Gebot, Jahwe mit aller Kraft zu lieben (Dtn 6,5
5. Theologische Perspektivierung
Dass Jesus nach der synoptischen Tradition auf die Frage eines Schriftgelehrten das Šema‛ Jiśrā’el mit dem Liebesgebot (Dtn 6,4-5
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Exegese erschließt neue Dimensionen, indem sie darauf hinweist, dass der Text nicht nur als Paränese zu lesen ist, sondern auch als Ausdruck einer vertrauensvollen Beziehung: Jahwe ist für Israel so einzigartig wie der Partner oder die Partnerin in einer Liebesbeziehung. Das Šema‛ Jiśrā’el, das auf das Erste Gebot (Dtn 5,6-7
2. Thematische Fokussierung
Bisherige (Welt-)Ordnungen, die für unverrückbar gehalten wurden, verschieben sich: etwas Anderes, Unbekanntes rückt in den Vordergrund, ohne dass das Neue bereits konkret fassbar wäre. Der Text, der in den Komplex der Abschiedsreden Moses eingezeichnet ist, markiert diesen Übergang aus der einen Welt in die andere Welt, aus dem Bekannten ins Unbekannte, aus der Wanderschaft in die Sesshaftwerdung. Damit weist er auf etwas Neues hin, das im Entstehen begriffen ist, ohne dass das Alte abgeschlossen wäre. Wie dieses Neue im Verhältnis zum Alten qualifiziert wird, ist zwar (noch) ungewiss. Indem nun aber zu Beginn der Abschiedsrede(n) des Moses Jahwe selbst zu Wort kommt, ist das Šema‛ Jiśrā’el nicht nur als Vermächtnis des Moses zu begreifen, sondern zugleich Zeugnis dafür, dass Jahwe sein Volk nicht allein lässt.
Auch wenn sich unsere Lebensverhältnisse rasch verändern und unsere Gesellschaft demographisch, politisch und sozial einen rasanten Wandel im Inneren erfährt, ist noch nicht ausgemacht, ob man Angst vor dem Unbekannten haben muss oder sich erst einmal auf die aktuelle Neuvermessung der politischen Kräfteverhältnisse einlassen sollte. Wichtig ist, dass die Gemeinde in dieser Situation nicht zusätzlich verunsichert wird, sondern sich bewusst wird, dass die Kraft zu Zusammenhalt und Gemeinschaft nicht allein aus ihr selber kommt. Das Aussprechen der Worte Gottes verleiht jene Kraft, die zum (Über-)Leben in einer ungewissen äußeren Situation nötig ist. Deshalb werden die Worte wiederholt, weitergegeben und immer wieder memoriert, damit der Umgang mit ihnen zu einer (zeitlich begrenzten) inneren Fokussierung der Gemeinde in ungewissen Zeitläuften führen kann.
3. Theologische Aktualisierung
Indem auf die Wiederholung des Šema‛ Jiśrā’el großer Wert gelegt ist, wird zugleich der Weg für Auslegung (V. 5) und Interpretation (V. 6 sowie V. 7-9) eröffnet: So zeigen die mehrgliedrigen Hinweise darauf, wie Jahwe zu begegnen bzw. zu lieben ist („mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Lebenskraft und mit deiner ganzen inneren Stärke“ (V. 5)) in Verbindung mit dem „Höre“ (V. 4) an, dass Gott derjenige ist, der die besonderen Kräfte zur Verfügung stellt, die eine liebende Hinwendung zu ihm ermöglichen. Indem sich der Einzelne seine Worte immer wieder aufsagt, beginnen sie nicht nur in einer ganz und gar aussichtslosen Lage, Trost zu verheißen, sondern entfalten durch die Zusage, dass sie sich auch nachkommenden Generationen erschließen, eine Art Eigenleben: Insofern im Text die Dinge von diesen Worten Zeugnis ablegen, wäre zu fragen, welche Texte oder Gegenstände heute in der Lage sind, Worte von Trost, Freude, Hoffnung dauerhaft aufzunehmen und für uns zu inkorporieren.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Da der Reformationstag in diesem Jahr nicht auf einen Sonntag fällt und daher nur in einigen Bundesländern als Feiertag begangen wird, schiebt sich der Gottesdienst (überwiegend) in das gewöhnliche Alltagsleben hinein und wird dadurch mindestens in doppelter Hinsicht besonders: Einerseits, insofern er das Alltagstreiben auf der horizontalen Achse der fortschreitenden Gegenwart unterbricht und darauf aufmerksam macht, dass das Zusammenkommen der Gemeinde im Hören auf die Verkündigung von Gottes Wort inmitten der unruhigen Zeitläufte Anlass gibt zur (Selbst-)Besinnung auf das, was im Alltagsleben trägt. Andererseits, insofern auf einer vertikalen Achse Gelegenheit zur Erinnerung an den durch die Reformation hervorgerufenen Umbruch geboten ist: Dass der Einzelne selbst Mittel und Möglichkeiten erhält, in der Bibel zu lesen, ist das thematisch Neue an der Reformation. Dass er oder sie durch die Macht von Gottes Wort immer wieder neu instandgesetzt wird, nach der eigenen religiösen Mündigkeit zu fragen, dürfte ihr bleibendes Vermächtnis sein. Dabei geht es nicht nur um die bloße Wiederholung fundamentaler Gewissheiten, sondern auch um die Weiterentwicklung jener Haltung, die sich in Moses Abschiedsrede Ausdruck verschafft. Wenn Jesus dem Liebesgebot das gleichrangige Gebot der Nächstenliebe an die Seite stellt, und Mose jedem einzelnen Glied des Volkes gebietet, sich Gott mit aller Kraft hinzugeben, so wäre heute zu überlegen, wie sich unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts Luthers Auslegung des Ersten Gebots im Kleinen Katechismus weiter entwickeln lässt: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“
5. Anregungen
Wegen des Rhythmus in V. 4, aber auch der besonderen Dreigliedrigkeit in V. 5 und 7 bietet sich ein performatives Predigen an, das in der Wiederholung zentraler Elemente und Aspekte der Perikope wie in einem Sprechtheater auf Veränderungen der Zeitläufte aufmerksam macht: Indem die routinierten Wiederholungen unterbrochen, ergänzt, erweitert, aber auch in Frage gestellt werden, sie transformiert und weiter gedacht sind, zeichnet sich ein Neben- bzw. Ineinander von Mahnrede und Ermutigung ab.
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Müller (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Antje Roggenkamp (Praktisch-theologische Resonanzen)
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