Lukas 6,27-38 | Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 09.11.2025
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3
2. Adressaten
Die Anrede an Theophilus
3. Datierung
Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems
4. Entstehungsort
Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom
5. Theologisches Zentrum: Gott
In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43
6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung
Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede
Literatur:
- Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
- Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
- F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
- Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
- Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
- Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
- Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
- Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
- Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
- Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
- M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 6,27-38
Übersetzung
27. Ich sage euch aber, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde, handelt gut an denen, die euch hassen; 28. segnet, die euch verfluchen, betet für die, die euch beleidigen. 29. Dem, der dich auf die Backe schlägt, biete auch die andere dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch das Untergewand nicht. 30. Jedem, der dich bittet, gib; und von dem, der das Deine nimmt, fordere [es] nicht zurück. 31. Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, so tut ihnen ebenso! 32. Und wenn ihr die liebt, die euch lieben - worin besteht eure Ausstrahlung? Denn auch die Sünder lieben diejenigen, die sie lieben. 33. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun - worin besteht eure Ausstrahlung? Auch die Sünder tun dasselbe. 34. Und wenn ihr [nur] denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft - worin besteht eure Ausstrahlung? Auch Sünder leihen Sündern, um Entsprechendes zurückbekommen. 35. Vielmehr: Liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. 36. Werdet barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verurteilt nicht – und ihr werdet nicht verurteilt. Vergebt – und euch wird vergeben werden. 38. Gebt – und euch wird gegeben werden. Ein Maß, an dem nichts fehlt, wird man in euren Schoß geben: gedrückt, gerüttelt, überfließend! Denn mit welchem Maß ihr zumesst, wird euch wieder zugemessen.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Die mit dem Wortstamm ἀγάπη bezeichnete Liebe meint nicht Leidenschaft (das wäre im Griechischen ἔρως) noch Freundschaft (das wäre φιλία) , sondern willentliche Zuwendung und entsprechendes Handeln. Das in den V. 32–34 verwendete Wort χάρις bedeutet im Bibelgriechisch zwar oft Gnade (auch bei Lukas; vgl. Apg 13,43
2. Gattung und Kontext
Der Text ist Teil der Feldrede, mit der Jesus am Beginn seines Auftretens sein Ethos diskursiv vom Gedanken der Gottentsprechung her entfaltet (während er es später narrativ in seinen Beispielerzählungen und Gleichnissen vermittelt). Der Rahmen der Rede, die Seligpreisungen und Weherufe am Anfang und die Gerichtsgleichnisse am Ende, macht deutlich, dass das geforderte Verhalten über Heil und Unheil entscheidet. Der Hauptteil besteht aus zwei Blöcken: Im ersten geht es um das gottentsprechende Verhalten gegenüber der feindlichen Mitwelt, gerahmt von der Feindesliebe am Ende (V. 27.35), im zweiten um das das Verhalten zu den Geschwistern in Gestalt der Forderung, nicht zu richten (V. 37.42), gleichsam die Übertragung der Feindesliebe auf den Innenbereich. Das Herzstück, das als Scharnier beide Blöcke verbindet, ist die doppelte Aufforderung der Entsprechung zu Gottes Güte und Barmherzigkeit.
3. Schwerpunkt der Interpretation
Die imitatio Dei ist so in der Feldrede der Dreh- und Angelpunkt der jesuanischen Ethik. Das das menschliche Verhalten bestimmende Prinzip der Reziprozität „wie du mir, so ich dir“ wird durch den Bezug auf Gott durchbrochen: „Wie Gott mir, so ich dir“ 27a. Ein erster Viererblock V. 27b–28 richtet sich im Plural an ein Kollektiv mit der Aufforderung zur Feindesliebe, die durch drei parallele Forderungen expliziert wird (27b.28). Sind die Imperative in der ersten Viererreihe vorangestellt, so sind sie in der zweiten, die sich nun an die Einzelnen richtet, nachgestellt. Hier erfolgt die Durchbrechung der Gegenseitigkeit zunächst durch die Zumutung, der Spirale von Gewalt und Gegengewalt durch eine entwaffnend gewaltlose Reaktion zu begegnen. Dem wird ein zweiter Parallelismus zur Seite gestellt, der den Verzicht auf Reziprozität im Blick auf die ökonomischen Asymmetrien als eine Form struktureller Gewalt präzisiert. In diesem Zusammenhang fordert die sog. Goldene Regel, proaktiv anderen das zukommen zu lassen, was man sich für sich selbst gerne hätte. In drei rhetorischen Fragen wird deutlich gemacht, dass es darum geht, Gottes Güte zu spiegeln; das ist der ‚Charme‘ (χάρις), der anderen das Leben heller macht (Lk 8,15f
4. Theologische Perspektivierung
Die doppelte Charakterisierung Gottes durch Milde und Barmherzigkeit, welche die Nachfolger in ihrem Verhalten spiegeln sollen, um zu dessen Kindern zu werden, hat Lukas exakt in der Mitte seiner Rede positioniert. Die komplementären Gottesnamen des ‚Höchsten‘ und des ‚Vaters‘ verwendet er dabei mit Bedacht: Wer seine Feinde liebt, entspricht der überlegenen Güte des Schöpfers (vgl. Mt 5,45
Literatur
- Ricœur, Paul: Liebe und Gerechtigkeit / Amour et Justice, Mit einer deutschen Parallelübersetzung von Matthias Raden, Tübingen 1990, 65–67.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Der Predigttext richtet sich an Hörerinnen und Hörer, die sowohl auf christliche als auch auf nicht-christliche Motive und Gedankengänge ansprechbar sind. Die hermeneutische Doppelkodierung stellt eine Art Setting zur Verfügung, in dem die Bedeutung der christlichen Botschaft für Christen und für Heiden deutlich werden kann. Der Text wendet sich an eine Personengruppe, die sich durch verschiedenartige religiöse Einstellungen auszeichnet. Vor diesem Hintergrund wird die christliche Lebenseinstellung als eine Haltung plausibel, die gewöhnliche Verhaltensformen übersteigt. Es gilt nicht länger: „Wie Du mir, so ich Dir“, sondern: „Wie Gott mir, so ich Dir“. Damit werden die Beziehungen, die sich in einer Gesellschaft normalerweise durch Aushandlungsprozesse oder schlicht: den Einsatz von Vernunft ausbilden, überboten. Damit ist allerdings auch jede/r Einzelne persönlich durch eine vorausgesetzte, indikativisch gefärbte bzw. geprägte Situation herausgefordert. Es geht darum, selbst Position zu beziehen, in dem man sich überlegt, ob das, was der Text fordert und worauf man sich einlassen soll, leistbar ist: nämlich die Maßstäbe der Vernunft außer Kraft zu setzen, um der Zusage willen, ein Kind Gottes zu sein. Dabei sind die Voraussetzungen, unter denen dies geschieht, im Vergleich zum nahezu Unmögliches fordernden Matthäusevangelium durchaus realistisch. Der oder die Einzelne kann sich durch die Macht des Zuspruchs, dass nämlich der Vater sie/ihn dadurch trägt, dass er sie/ihn als seinesgleichen ansieht, in die Lage versetzt fühlen, sich als Christ im Sinne des lukanischen Jesus zu erweisen.
2. Thematische Fokussierung
Die Predigt wird dort ansetzen, wo es darum geht, die weltpolitische Situation zu verfremden. Indem insbesondere im ersten Hauptteil in parallelen Wiederholungen (Parallelismen) sowohl das Kollektiv als auch das Individuum adressiert sind, werden die Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit, die man angesichts der Umkehrung bzw. des Außerkraftsetzung gesellschaftlich-demokratischer Werte empfindet, zumindest sistiert, vielleicht sogar in eine andere Richtung gelenkt. Insbesondere der zweite Hauptteil, der sich auf die innerchristliche Gemeinschaft richtet und zum Urteilsverzicht auffordert, wird dann auf Spannungen in der eigenen Gemeinde zu übertragen sein. Auch im Nahraum werden politische Positionierungen verschieden ausfallen, dies muss aber nicht bedeuten, dass man nicht mehr miteinander reden kann. Dies kann sich auf ein unterschiedliches Wahlverhalten beziehen, dürfte aber insbesondere auch verschiedene Standpunkte zu umstrittenen Themen – u.a. Migration, Umgang mit der Klimakrise sowie ein militärisches Engagement – betreffen. Wenn das Herzstück des Predigttextes in der doppelten Aufforderung zur (nachahmenden) Entsprechung von Gottes Güte und Barmherzigkeit besteht, dann kann die Predigt unter Verweis auf die „Ausstrahlung“ jeder/s Einzelnen den damit verbundenen Zuspruch, Kind des Höchsten zu sein, aufnehmen.
3. Theologische Aktualisierung
Zuspruch und Anspruch sind bereits in der Exegese als theologische Deutungskategorien genannt, im Rahmen der Predigt kann das Begriffspaar auch als Zusammenspiel von Rechtfertigung und Heiligung aufgenommen werden. Dies bedeutet, dass die Kindschaft Gottes zwar in Entsprechung zur Sohnschaft Christi verliehen wird, dass sie aber für den/die Einzeln/n nicht ohne Folgen bleibt. Die mit Gottes Barmherzigkeit und Gnade Beschenkten sind aufgerufen, diese Gnade in ihrer Überfülle weiter zu geben. Es handelt sich nicht um eine „billige“ Gnade, d.h. eine Gnade, die auch den Sündern zuteil wird, die leihen, um Entsprechendes geliehen zu bekommen. Es ist eine „teure“ Gnade, die verlangt, dass man auch jenen vergibt, denen man eigentlich nicht vergeben möchte, weil man sie bereits gerichtet, verurteilt bzw. ihre Handlungen und Taten vielleicht als nicht vergebungswürdig ausgemacht hat. Der Predigttext insistiert darauf, vor dem Hintergrund der uns zugesprochenen Milde und Barmherzigkeit Gottes der überlegenen Güte des Schöpfers in unserem Verhalten zu entsprechen. Und dies gilt für alle Bereiche, das gesellschaftlich-politische Umfeld, den privaten, eher familialen Nahraum ebenso wie für den halböffentlichen Raum der Kirchengemeinde.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Kurz vor dem Ende des Kirchenjahres lädt der Predigttext dazu ein, die persönlichen Verletzungen und Widerfahrnisse der letzten Wochen und Monate, aber auch die politischen Zeitläufte zu bedenken. Der Text schiebt jeder persönlichen Verbitterung einen Riegel vor, und er macht darauf aufmerksam, dass ein (politisches) Schwarz-Weiß-Denken zu hinterfragen, polarisierende Grabenkämpfe im Leben der Gemeinde zu überwinden sind. Dabei geht es auch darum, den 9. November als Tag der Novemberpogrome nicht aus den Augen zu verlieren. Die Erinnerung an die durch nichts wieder gut zu machenden Gräueltaten der nationalsozialistischen Schergen gegenüber der jüdischen Bevölkerung ist im Rahmen der teuren Gnade als Aufruf zu thematisieren, gegenüber jeder Form antisemitischer Äußerungen oder Verhaltensweisen Widerstand zu leisten. Auch auf diese Weise kann das eigene Verhalten dem sich aus dem Zuspruch der Barmherzigkeit Gottes ergebenden Anspruch gerecht werden.
5. Anregungen
Aus meiner Sicht empfiehlt sich, darüber nach zu denken, wie man sich in einem fest gefahrenen, unüberwindbar erscheinenden Konflikt dennoch so verhalten kann, dass man in seinem Verhalten zu einem Nachfolger/einer Nachfolgerin wird und so Gottes Milde und Barmherzigkeit entspricht. Impuls: „Stell Dir vor, Du wärest Bischöfin einer Kirche, die bzw. deren Mitglieder völlig zerrissen ist“ (Rev. Dr. Karen Georgia Thompson nach den Wahlen vom 05.11.2024; https://www.evangelisch-in-westfalen.de/aktuelles/detailansicht/news/kirche-sein-in-einer-unsicheren-politischen-lage/
Denjenigen, die ein wenig politischer predigen möchten, sei ein Artikel von Elisabeth von Thadden, der Enkelin des ersten Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchentags, aus der Zeit (https://epaper.zeit.de/webreader-v3/index.html#/950105/43
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Antje Roggenkamp (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500147
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