Deutsche Bibelgesellschaft

Römer 2,1-11 | Buß- und Bettag | 19.11.2025

Einführung in den Römerbrief

1. Verfasser

Paulus diktierte dem Sekretär Tertius den Brief (vgl. 1,1 und 16,22: eigener Gruß des Tertius; keine Mitverfasser).

Paulus befindet sich an einem entscheidenden Punkt seiner langjährigen Missionsarbeit: Er will im Westen des Imperiums missionieren und plant eine Reise nach Spanien. Im Zusammenhang dieser Reise zu neuen potenziellen Missionsgebieten stellt er sich den römischen Christus-Gläubigen brieflich als Apostel der Nichtjuden vor und kündigt einen Aufenthalt in Rom an, bei dem er die römischen Christus-gläubigen Gemeindeglieder an seiner Evangeliumsverkündigung teilhaben lassen will. Außerdem hofft er auf Unterstützung bei seinen Reiseplänen. Zuvor will er aber die Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde, die die kleinasiatischen und griechischen Gemeinden aufgebracht haben, persönlich nach Jerusalem bringen, so dass sich sein Rombesuch noch verzögern wird.

2. Adressaten

Paulus schrieb den Brief an die „Berufenen Jesu Christi“, an „alle Geliebten Gottes, die berufenen Heiligen“ in Rom (1,6f.).

Er spricht die Christus-gläubigen Adressaten nicht als „Gemeinde“ an (so in 1Kor 1,2 τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ). Die Exegeten schließen daraus, dass es in Rom in den fünfziger Jahren des 1. Jh.s nicht nur eine, sondern mehrere Gemeinden – oft als Hausgemeinden oder auch als „Gemeinden in römischen Mietblocks“ bezeichnet – gegeben habe. Wichtig ist,

  1. dass es sich bei den Adressaten nicht um Mitglieder einer paulinischen Gemeindegründung handelt,
  2. dass die Christus-gläubigen Römerinnen und Römer ganz überwiegend sogenannte Heidenchristen waren, d.h. nicht zum „Volk Israel“ gehörten,
  3. dass sie nur zu einem kleinen Teil Paulus persönlich bekannt waren (vgl. die Grußliste in Kap. 16), so dass der Römerbrief an eine wenig homogene, Paulus überwiegend unbekannte und ihm nicht verpflichtete Leserschaft gerichtet ist (Wischmeyer, Römerbrief, 445-447).

Daraus erklärt sich der sehr sachlich-theologische Gesamtduktus, der auch den ethischen Teil B des Briefes (Röm 12-14) bestimmt.

3. Entstehungsort und Entstehungszeit

Paulus schreibt nach Rom wohl im Jahr 56 aus Korinth (Röm 16,23; 1Kor 1,14; Apg 20,4).

4. Wichtige Themen

„Apostelamt des Paulus, Evangelium, Glaube, Gerechtigkeit Gottes, Juden und Griechen als Teilhaber an Gottes Gerechtigkeit, Israel, Verhältnis zum Imperium Romanum, Starke und Schwache, Mission des Paulus“ (Wischmeyer, Römerbrief, 429).

Besonders wichtig ist die Auslegungsgeschichte des Röm. Keine Exegese kann ohne eine Reflexion auf die verschiedenen Möglichkeiten der Auslegungsgeschichte des Briefes auskommen. Der Röm war seit Erasmus und den Reformatoren – vor allem Luther, Melanchthon und Calvin – der Grundtext reformatorischer Theologie. Die „Rechtfertigungslehre“ entwickelte Luther maßgeblich aus seiner Lektüre des Galater- und Römerbriefes und seiner Interpretation der δικαιοσύνη θεοῦ vom Genitivus objectivus her: Gerechtigkeit, die vor Gott gilt bzw. Bestand hat, d.h. die Gerechtigkeit, die nicht aus der Gesetzeserfüllung, sondern aus dem Glauben kommt. Damit wurde Röm zugleich zum bleibenden Streitobjekt zwischen reformatorisch-protestantischer und katholischer Auslegung. Neuerdings muss die Christologie des Röm, die das Heil an den Glauben an Christus bindet, in Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gesetzesverständnis neu diskutiert werden.

5. Aktuelle Fragen

Besonderes Interesse gilt in den letzten Jahren der religiös-ethnischen Identität des Paulus und einer damit verbundenen Distanzierung besonders von der christlich-theologischen Römerbriefinterpretation von Luther bis zu Barth und Bultmann. Wieweit ist Paulus auch nach seiner Beauftragung durch den erhöhten Christus (Gal 1,1.15) Jude (Röm 9,1-5) und Pharisäer (so Paula Fredriksen) geblieben? Diese Frage ist nicht nur für die Paulusinterpretation, sondern auch für die Rekonstruktion der Anfänge der christlichen Kirche von bleibender Bedeutung und wird exegetisch neu justiert werden müssen.

6. Besonderheiten

Röm ist der umfangreichste und thematisch anspruchsvollste Brief des Paulus. In mehreren ausführlichen thematisch zentrierten Textabschnitten behandelt Paulus entscheidende Themen seiner Missionsverkündigung:

Teil A In 1,16-11,36 legt er in mehreren Schritten sein „Evangelium“ dar, das „Juden und Nichtjuden (1,16) gilt.

  1. In Kap. 1,17-4,25 entfaltet er die Heilswirkung des Evangeliums vor dem Hintergrund der Ungerechtigkeit von Nichtjuden wie Juden. 3,21-31 ist das christologische Herzstück dieser Heilsbotschaft.
  2. In Kap. 5-8 entwickelt Paulus dann Einzelaspekte seiner Christologie.
  3. Kap. 9-11 ist ein eigener thematischer Traktat zum Verhältnis von Nichtjuden und Juden, der mit der Perspektive der Errettung von Nichtjuden wie Juden schließt und damit auch das Thema von 1,16 zum Abschluss bringt (11,26).

Teil B Von 12,1-15,13 stellt Paulus in einer reich gegliederten Paraklese (ermahnende Darlegung der Verhaltensformen in den Christus-gläubigen Gemeinden) Grundelemente gemeindlichen Verhaltens dar (darin: 13,1-7 zur „Obrigkeit“; 13,8-10 Liebe als Gesetzeserfüllung; Kap. 14 Starke und Schwache in der Gemeinde).

15,14-33 gelten der aktuellen Planung, Kap. 16 enthält ausführliche Grüße.

Literatur:

  • Fredriksen, P.: Paul, the Perfectly Righteous Pharisee, in: The Pharisees, hg. J. Sievers and A.-J. Levine, Eerdmans 2021.
  • Kleffmann, T.: Der Römerbrief des Paulus, Tübingen 2022 (theologisch-systematische Kommentierung des Röm).
  • Wischmeyer, O. / Becker, E.-M. (Hg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767), Tübingen 32021; darin. Wischmeyer, O., Römerbrief, 429-469. Dort S. 468f. weiter kurz kommentierte Literatur.
  • Wolter, M.: Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8. EKKNF VI/1, Neukirchen-Vluyn 2014. Teilband 2: Röm 9-16. EKKVI/2, Neukirchen-Vluyn 2019.

A) Exegese kompakt: Römer 2,1-11

Wie soll dieser Text gepredigt werden: als unzeitgemäßer oder zeitgemäßer Gerichtstext, als ethischer Text oder als Teilaspekt der paulinischen Evangeliumsverkündigung?

1Διὸ ἀναπολόγητος εἶ, ὦ ἄνθρωπε πᾶς ὁ κρίνων· ἐν ᾧ γὰρ κρίνεις τὸν ἕτερον, σεαυτὸν κατακρίνεις, τὰ γὰρ αὐτὰ πράσσεις ὁ κρίνων. 2οἴδαμεν δὲ ὅτι τὸ κρίμα τοῦ θεοῦ ἐστιν κατὰ ἀλήθειαν ἐπὶ τοὺς τὰ τοιαῦτα πράσσοντας. 3λογίζῃ δὲ τοῦτο, ὦ ἄνθρωπε ὁ κρίνων τοὺς τὰ τοιαῦτα πράσσοντας καὶ ποιῶν αὐτά, ὅτι σὺ ἐκφεύξῃ τὸ κρίμα τοῦ θεοῦ; 4ἢ τοῦ πλούτου τῆς χρηστότητος αὐτοῦ καὶ τῆς ἀνοχῆς καὶ τῆς μακροθυμίας καταφρονεῖς, ἀγνοῶν ὅτι τὸ χρηστὸν τοῦ θεοῦ εἰς μετάνοιάν σε ἄγει; 5κατὰ δὲ τὴν σκληρότητά σου καὶ ἀμετανόητον καρδίαν θησαυρίζεις σεαυτῷ ὀργὴν ἐν ἡμέρᾳ ὀργῆς καὶ ἀποκαλύψεως δικαιοκρισίας τοῦ θεοῦ 6ὃς ἀποδώσει ἑκάστῳ κατὰ τὰ ἔργα αὐτοῦ· 7τοῖς μὲν καθ’ ὑπομονὴν ἔργου ἀγαθοῦ δόξαν καὶ τιμὴν καὶ ἀφθαρσίαν ζητοῦσιν ζωὴν αἰώνιον, 8τοῖς δὲ ἐξ ἐριθείας καὶ ἀπειθοῦσιν τῇ ἀληθείᾳ πειθομένοις δὲ τῇ ἀδικίᾳ ὀργὴ καὶ θυμός. 9θλῖψις καὶ στενοχωρία ἐπὶ πᾶσαν ψυχὴν ἀνθρώπου τοῦ κατεργαζομένου τὸ κακόν, Ἰουδαίου τε πρῶτον καὶ Ἕλληνος· 10δόξα δὲ καὶ τιμὴ καὶ εἰρήνη παντὶ τῷ ἐργαζομένῳ τὸ ἀγαθόν, Ἰουδαίῳ τε πρῶτον καὶ Ἕλληνι· 11οὐ γάρ ἐστιν προσωπολημψία παρὰ τῷ θεῷ.

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Übersetzung

1 Darum bist du unentschuldbar, o Mensch, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du, der Richtende dasselbe tust. 2 Wir wissen aber, dass Gottes Urteil zu Recht über die ergeht, die solches tun. 3 Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und dasselbe tust, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst? 4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet? 5 Du aber, mit deiner Verstocktheit und deinem unbußfertigen Herzen, häufst dir selbst Zorn an für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, 6 der einem jeden geben wird nach seinen Werken: 7 ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben; 8 Zorn und Grimm aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit; 9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die das Böse tun, zuerst der Juden und auch der Griechen; 10 Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen. 11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

Es liegen keine besonderen Probleme vor.

2. Literarische Gestaltung

Paulus spricht einen fiktiven Hörer an (o Mensch) und meint damit alle Menschen, „die andere richten“ (κρίνειν). κρίν- steht hier für „verurteilen“, ein „negatives Urteil über den Lebensstil des anderen Menschen fällen“. Paulus argumentiert hier von der Realität her, die schon die Erfahrungsweisheit Israels beschrieben hatte und die in der Jesustradition klassisch im Spruch vom Splitter und Balken (Lk 6,41f.; Mt 7,1-5) aufgenommen wurde. Das Argument heißt mit Lk 6,37 und Mt 7,1: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“. Paulus benutzt das Format einer Gerichtsrede wie schon in 1,18–32. Elemente der Gerichtsrede finden sich auch im Verlauf von Kap. 2 und 3 (Schlussurteil in 3,19f.). Stilmittel: dauernde direkte Ansprache, insinuierende Fragenreihe, Schuldspruch (V.7–10). Sprachmotive aus der apokalyptischen Literatur des antiken Judentums: Tag des Zorns; Offenbarung des Gerichts, Trübsal und Angst.

3. Kontext und historische Einordnung

Röm 2,1–11 ist Teil der großen Gerichtsrede des Paulus in 1,18–3,20. In 1,18–32 hat Paulus nachgewiesen, dass die Nichtjuden („Völker“ bzw. „Heiden“) des Todes schuldig sind, da sie Gott nicht verehrt haben, obgleich sie ihn aus der Schöpfung kannten. Paulus kennzeichnet sie als gottlos und sittenlos. 2,1–11 knüpft an diese Verurteilung an und denkt sie weiter. Wenn Juden („du, o Mensch“ ist allgemein gehalten, textlogisch aber auf Juden zu beziehen, die sich über „Heiden“ erheben, siehe Kap. 11) nun denken, sie könnten die Nichtjuden zurecht verurteilen, täuschen sie sich, denn sie tun dasselbe, was sie den Nichtjuden vorwerfen. Dabei modifiziert Paulus gleichsam unter der Hand die Vorwürfe: Jetzt sind es die, „die der Wahrheit nicht gehorchen“ – die Ungehorsamen, wie Paulus die Juden in 11,31 nennt, die vor dem Gericht Angst haben müssen. In 2,12–16 weist Paulus dann explizit darauf hin, dass er Juden und Nichtjuden gleichermaßen vor dem Endgericht Gottes sieht. In 2,17–3,20 nimmt er explizit die Juden in den Blick. Sein Urteil lautet: Juden und Griechen sind alle unter der Sünde.

Dabei ist (1) zu bedenken, dass Paulus an die römische Gemeinde schreibt, in der jüdische und nichtjüdische Christusgläubige vertreten sind. (2) bereitet er seine Jerusalemreise vor und setzt sich in Röm 9–11 sehr ausführlich und persönlich mit dem Schicksal Israels auseinander. (3) Nach 1Kor 9,20.21 ist er „den Juden wie ein Jude geworden … den Nichtjuden („denen ohne Gesetz“) wie „einer ohne Gesetz“. Er stellt sich selbst als Christusgläubiger also außerhalb der Juden-„Heiden“ Dichotomie. Diesen Status möchte er durch seine Evangeliumspredigt für alle Menschen eröffnen (2,11: kein Ansehen der Person vor Gott!), denn Juden und Nichtjuden sind ohne Christus dem Gericht verfallen: Das ist die Aussage von Röm 1–3.

4. Schwerpunkte der Interpretation

Es handelt sich um einen furiosen Gerichtstext, der sich in Sprache und Vorstellungswelt (Tag des Zorns und des Gerichtes) gegenwärtiger Theologie nur schwer vermitteln lässt. Entscheidend ist der Zusammenhang:

  1. Die Intention des Paulus ist nicht die Gerichtspredigt, sondern die Heilsansage in 1,16f. und 3,21–30: Gott macht die Juden aus dem Glauben und die „Heiden“ durch den Glauben gerecht. Die Bedeutung dieser universalen Heilszusage ist der Inhalt seines Evangeliums, das er in Röm 1–8 theologisch entfaltet. Die Gerichtsansagen in Kap. 1 und 2 sind die notwendige und realistische Voraussetzung für Gottes Heilshandeln. Wären Juden zu perfekter Gesetzeserfüllung und „Heiden“ zu perfektem Leben nach ihrem Gewissen (2,15) fähig, brauchte Gott die Menschen nicht gerecht zu machen (3,30)! Der Text ist also kein Gerichtstext wie Mt 25,31-46, sondern ein argumentativ notwendiger Durchgangstext, der auf 3,21ff. hinführt.
  2. Wichtig ist ein Blick auf die Gesamtargumentation von Röm 1–3. Wenn in 2,1–16 implizit und in 2,17–29 explizit Juden in ihrem selbstgerechten Verhalten gegenüber den „Heiden“ angesprochen werden, ist das nicht ein Ausweis von Antijudaismus, sondern die selbstverständliche Haltung religiös gebildeter Juden gegenüber den nichtjüdischen Religionen. Vergleichstext: Sapientia Salomonis. In 2,1–11 versucht Paulus, das selbstgerechte Verhalten von Juden gegenüber Nichtjuden (Rückbezug auf 1,18–32) in den größeren Zusammenhang menschlichen „Richtens/Verurteilens“ zu stellen, während er in 2,17ff. direkt Juden anspricht. Es ist daher möglich, 2,1–11 als grundsätzliche Kritik an der allgemeinmenschlichen Haltung, den Andern zu verurteilen, zu lesen.

5. Theologische Perspektivierung

Der Text eignet sich m. E. nur begrenzt zur Predigt. In der Argumentation des Paulus ist er ein wichtiges argumentatives Glied, für sich allein gelesen aber handelt es sich um einen konventionellen Gerichtstext, der weisheitliche (vgl. die parallelen Überlegungen in Mt 7) und apokalyptische Motive aus dem religiösen Wissen Israels kombiniert. Eine bloße ethische Interpretation: „Richte/verurteile nicht, denn du bist selbst nicht besser“ ist möglich, blendet aber die Gerichtspredigt aus und wird der soteriologischen Tiefendimension von Röm 1–3 nicht gerecht.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

Die Gerichtspredigt des Paulus im Eröffnungsteil des Römerbriefes ist der Predigttext am Buß- und Bettag 2025. Die Exegetin liefert wunderbare Vorlagen für eine Bußtagspredigt, bezweifelt aber, ob man diesen Text exegetisch angemessen heute noch predigen kann.

Ich sage: Ja, man kann ihn predigen.

Es ist ein Text, der in diesen Zeiten der grandiosen Performances von Staatenlenkern besonders hell funkelt. Die Kaiser Nero und Caligula lassen Donald Trump, Elon Musk, Putin, Netanjahu und all die Männer, die das Recht beugen, sich über andere erheben, über Leichen gehen und dabei die Welt anzünden, über die Jahrtausende hinweg grüßen. Ich lese diesen Text als eine furiose Anklage gegen alle Formen von Selbstüberhebung.

Paulus, dieser Staatsanwalt Gottes macht am Beispiel des Verhältnisses von Juden und Christen deutlich, wohin Selbstüberschätzung und Selbstgerechtigkeit letztlich führen.

Aber Paulus, so scheint es, ist, als er den Römerbrief verfasst, theologisch über die Alternative Judenchristen und Heidenchristen hinweg. Mit großem Pathos stellt er den Menschen vor Gericht: O Mensch! Nicht den gebildeten Juden in der römischen Gemeinde, der auf die sogenannten Heidenchristen herabsieht und umgekehrt. Der Ankläger Paulus wechselt die Perspektive und nimmt alle Menschen aus dem Blickwinkel von Gottes Güte ins Visier. Denn von dem Standpunkt der Güte Gottes aus gesehen, werden wir zur Selbsterkenntnis und zur Selbstreflexion fähig.

Praktisch theologische Fokussierung

Bei den Filmkritikern und dem Publikum ist der Film „Megalopolis“ eher durchgefallen. Zu lang, zu großartig, zu viel gewollt.

Es ist der letzte Film des Francis Coppola, eines der bedeutendsten Filmschaffenden im letzten Jahrhundert. Francis Coppola hat Apocalypse now und die Trilogie „Der Pate“ verfilmt und sich damit Weltruhm erarbeitet. In „Megalopolis“ hält der alte Mann, der für diesen Film sein ganzes Privatvermögen eingesetzt hat, eine letzte Rede an die Welt.

Er vergleicht die aktuelle Zeit mit den Zeiten des untergehenden römischen Reiches und erzählt die Geschichte eines visionären Architekten, der mit nachhaltigen Materialien die Welt neu erbauen will und den dabei eine überhebliche und selbstgerechte Elite, die sich an ihre Privilegien klammert, versucht aufzuhalten.

Es geht im Tiefsten um die Fähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen und sich selbst zurückzunehmen zugunsten der anderen und der Zukunft.

Wie die Exegese beschreibt, beruft sich Paulus auf eine jesuanische Gedankenfigur (Matth 6) und erweitert und vollendet diesen Gedanken mit einer christologischen Vision von Gottes überwältigender Güte im Gericht. Erst diese Güte – „ohne Ansehen der Person“ – erlaubt es, sich selbst nüchtern zu sehen, die eigenen Schattenanteilen, wie C.G. Jung das formulieren würde, zu akzeptieren, sich selbst und die eigene Rolle in Frage zu stellen und damit zu einem ausbalancierten Verhältnis zum anderen Menschen zu kommen.

Wer diese Erlaubnis der Selbsterkenntnis im Lichte der Güte Gottes nicht annimmt, inszeniert privat wie kollektiv die Konfrontation, die die Demütigung, im schlimmsten Fall die Vernichtung des anderen zum Ziel hat. Die Dramen, die diese hermetisch abgeriegelten Menschen in Familien und in Staaten anrichten, sind überall dort zu besichtigen, wo einer mit Gewalt seine eigenen Interessen durchsetzt und als Mittel für dieses Ziel die Herabwürdigung des anderen wählt.

Man kann das göttliche Gericht dann ganz irdisch in den Gerichtssälen dieser Welt besichtigen, wo über Übergriffe, Gewalt in der Familie und in der Gesellschaft bis hin zum Völkermord geurteilt wird.

Wenn wir das alte Wort „Buße“ mit der Erlaubnis zur nüchternen Selbsterkenntnis übersetzen, dann wird auch verständlich, was Martin Luther, der Paulusversteher, meint, wenn er die Buße ein „fröhliches Geschäft“ nennt und schreibt:

„Was sollen wir also hier tun? Wir sollen so sein und können doch nicht so sein; sollen wir also alle verdammt sein? Das sei ferne; doch wir wollen hieraus antworten: Du musst dich als den erkennen, der du bist, und nicht leugnen, so zu sein, sondern in einen Winkel gehen und nach dem Rate Christi im Verborgenen zu deinem Vater im Himmel beten, indem du, ohne zu heucheln, sagst: Siehe, guter Gott, du befiehlst mir, Buße zu tun, aber ich Elender bin so, dass ich fühle, ich habe weder Willen noch Vermögen hierzu. Darum zu deinen Füßen liegend bitte ich deine Barmherzigkeit und Gnade, mache du mich bußfertig, der du mir die Buße geboten hast (Martin Luther, Predigt von der Buße 1517).

Martin Luther meint mit Paulus einen lebenslangen Prozess der Selbstreflexion, der in der großen Härte und Klarheit nur in und mit der Perspektive von Gottes Güte auszuhalten ist. Aber nur dieser Prozess kann verhindern, dass die Selbstgerechtigkeit der Menschen überhandnimmt. Selbstgerechtigkeit führt dazu, dass ich den anderen Menschen nicht ernst nehme, dass ich Kritik an mir abschaffe und polarisiere, wie man heute gerne sagt. Der Selbstgerechte wird taub und blind gegenüber den anderen Menschen und ihren Bedürfnissen.

Die Buße, die zur Selbsterkenntnis befreit hilft also die eigene Fehlerhaftigkeit und Schwäche wahrzunehmen und zu zeigen und damit dem Frieden in der Gemeinschaft zu dienen.

Autoren

  • Prof. Dr. Dr. Oda Wischmeyer (Einführung und Exegese)
  • Prof. Johanna Haberer (Praktisch-theologische Resonanzen)

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