Matthäus 25,1-13 | Letzter Sonntag des Kirchenjahres: Ewigkeitsonntag | 23.11.2025
Einführung in das Matthäusevangelium
Das MtEv
1. Verfasser
Das MtEv ist, wie alle neutestamentlichen Evangelien, anonym verfasst. Die Zuschreibung an Matthäus ist handschriftlich seit dem Ende des 2./Beginn des 3. Jh.s bezeugt; die älteste patristische Bezeugung stammt aus dem weitgehend verlorenen Werk des kleinasiatischen Bischofs Papias von Hierapolis. Nach ihm „hat Matthäus die Logien (Jesu) also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es übersetzte sie aber jeder, so gut er konnte“ (Eusebius, h.e. III 39,16; Irenäus spricht von seinem „Evangelium in schriftlicher Form“, s. Adv. haer. III 1,1). Die Zuschreibung eines Evangeliums an den Apostel Matthäus bezieht sich in den ältesten Quellen jedoch nur auf das behauptete hebräische/aramäische Original. Für die vorhandene griechische Fassung wurde schon von Hieronymus festgehalten, dass der Übersetzer unbekannt ist (Vir.ill. III 1). Ohne auf die Übersetzungsfrage einzugehen, wurde das MtEv bis lange ins 19. Jh. hinein und mit nicht wenigen Vertretern bis heute als Werk des Apostels u. ehemaligen ‘Zöllners’ Matthäus angesehen. In der deutschsprachigen Forschung wird dagegen mehrheitlich ein unbekannter judenchristlicher Verfasser angenommen, der zwischen 80 und 100 das Evangelium auf der Grundlage älterer Quellen (Mk, Q, Sondergut) geschrieben hat. Die internationale u. nichtprotestantische Forschung ist in dieser Frage allerdings deutlich pluraler als die deutschsprachige Einleitungswissenschaft und Kommentarliteratur. Eine wichtige Rolle spielt in beiden exegetischen Traditionen die singuläre Referenz in der Jüngerliste Mt 10,3
2. Adressaten
Das Evangelium selbst enthält keine direkten Hinweise auf Adressaten, Abfassungszeit oder -ort. Alle diesbezüglichen Aussagen sind aus dem vorliegenden Text abgeleitet und angesichts deren Spärlichkeit entsprechend hypothetisch. Die patristischen Autoren berichten, dass Matthäus das Evangelium für die „Hebräer“ (d.h. die jüdischen Jesusgläubigen in Israel) schrieb, bevor er „zu den anderen Völkern“ gehen wollte (Eusebius, h.e. III 24 6). Die Annahme, dass das Evangelium ursprünglich an überwiegend judenchristliche Gemeinden gerichtet war und in deren Kontext entstanden ist, wird auch heute mehrheitlich vertreten. Nur wenige machten und machen sich für einen heidenchristlichen Ursprungskontext stark. Allerdings gibt es auch hier eine starke, insbesondere englischsprachige Forschungstradition, die solche Partikularadressierungen ablehnt und stattdessen von einer von Anfang an universalen Adressatenschaft ausgeht („The Gospel For All Christians“). In der deutschsprachigen Evangelienforschung dominiert dagegen ein Partikular- und Konfliktmodell, nach dem die einzelnen Evangelien an bestimmte Gemeindegruppen adressiert sind und sich dabei gleichzeitig von den Empfängergruppen der anderen Evangelien mehr oder weniger polemisch absondern. Der Zuweisung des MtEv an ein judenchristliches Milieu impliziert darum oft die Abgrenzung gegenüber anderen frühchristlichen Milieus (repräsentiert u.a. durch Paulus oder das MkEv, das Mt angeblich verdrängen oder ersetzen wollte). Damit wird das MtEv in erster Linie zu einem Zeugnis für die angenommene Konfliktgeschichte innerhalb des frühen Christentums zwischen 70 und 100, und die in ihm vermittelten Jesustraditionen gelten als so ausgewählt bzw. reformuliert, dass sie der Selbstvergewisserung dieser besonderen Gruppe dienten (die manche mit den Apg 15,5
3. Entstehungsort
Aufgrund der judenchristlichen Charakteristika wird häufig eine Entstehung in Antiochien vermutet, was dadurch gestützt wird, dass Bischof Ignatius von Antiochien das MtEv schon im 1. Drittel des 2. Jh.s zu kennen scheint. Aber auch andere Orte in Israel bzw. Syrien werden diskutiert. Mt 4,24f.
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die Christologie (Jesus als Sohn Davids neben der Menschensohn-Christologie), Soteriologie (Vergebung der Sünden als Zielvorgabe von Jesu Wirken [1,21
5. Besonderheiten
Das MtEv enthält eine Vielzahl klar abgrenzbarer Einheiten, die in sich deutlich strukturiert sind, insbesondere durch Dreiergruppen (vgl. 1,17
Literatur:
- Aktueller Kommentar: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015 (theologisch gehaltvolle Auslegung, aber kaum Hinweise auf Literatur; diese findet sich reichlich verarbeitet in dem Band: Matthias Konradt, Studien zum Matthäusevangelium, WUNT 358, Tübingen 2016).
- Grundlegend: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1-4, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985 (5., völlig neubearbeite Aufl. 2002), 1990, 1997, 2002 (umfassendster Kommentar in deutscher Sprache mit ausführlichen Hinweisen zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte).
- Zur Diskussion um die Tora: R. Deines, Jesus and the Torah according to the Gospel of Matthew, in: The Gospel of Matthew in its Historical and Theological Context. Papers from the International Conference in Moscow, September 24 to 28, 2018, hg. v. M. Seleznev, W. R. G. Loader u. K.-W. Niebuhr, WUNT 459, Tübingen 2021, 295–327 (in diesem Band auch weitere Aufsätze zu dem Thema, so dass die verschiedenen Positionen gut erkennbar sind).
- Angelsächsische Literatur und Auslegungsgeschichte: Ian Boxall, Matthew Through the Centuries, Wiley Blackwell Bible Commentaries, Hoboken: Wiley Blackwell, 2019.
A) Exegese kompakt: Matthäus 25,1-13
Übersetzung
Dann wird das Himmelreich zehn Jungfrauen vergleichbar sein, welche, nachdem sie ihre (eigenen) Lampen/Fackeln genommen hatten, hinausgingen zur Einholung des Bräutigams. 2 Fünf von ihnen waren töricht und fünf verständig. 3 Denn die Törichten, als sie ihre Fackeln nahmen, nahmen kein Öl mit sich. 4 Die Verständigen aber nahmen Öl in den Gefäßen mit ihren Fackeln mit sich. 5 Weil sich der Bräutigam verzögerte/Zeit ließ, wurden sie müde (Aorist: punktuelles Geschehen) und schliefen ein (Imperfekt: andauerndes Geschehen). 6 Mitternachts aber geschah Geschrei: „Siehe, der Bräutigam! Geht hinaus (Imperativ) zu seiner Einholung!“ 7 Daraufhin standen alle jene Jungfrauen auf und richteten ihre Fackeln her. 8 Aber die Törichten sagten zu den Verständigen: „Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Fackeln verlöschen.“ 9 Aber die Verständigen antworteten, indem sie sagten: „Nicht doch, es würde nie für uns und euch ausreichen! Geht besser zu den Verkäufern (wörtlich: denen, die verkaufen) und kauft euch selbst.“ 10 Während sie weggingen, um zu kaufen, kam der Bräutigam, und die Vorbereiteten gingen mit ihm hinein in die Hochzeitsfeierlichkeiten, aber die Tür wurde verschlossen. 11 Später aber kommen auch die übrigen Jungfrauen, sagend: „Herr, Herr, öffne uns!“ 12 Er aber, antwortend, sagte: „Amen, ich sage euch, ich kenne euch nicht.“ 13 Darum seid wachsam, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.1 Zu ὁμοιωθήσεται (Futur Passiv) „es wird verglichen werden“ bzw. „es ist vergleichbar“, als Gleichniseinleitung auch Mt 7,24
τὰς λαμπάδας – λάμπας bedeutet eigentlich „Fackel“, wird aber oft als „(Öl-)Lampe“ übersetzt. Zimmermann (Parabel, 263) weist darauf hin, dass es für diese Bedeutung keinen Beleg gibt; allerdings lässt z. B. Apg 20,8
Die Verwendung des reflexiven Personalpronomens ἑαυτῶν („für sich selbst“) ist auffällig (vgl. V. 3.4.7.9). Es kommt 32-mal im MtEv vor, aber nirgends so gehäuft wie hier. Es hebt hervor, dass der Sachverhalt die damit bezeichnete Person unmittelbar angeht, und kann verdeutlichend mit „selbst“ wiedergegeben werden (GGNT § 139a+f).
Ἐξῆλθον von ἐξέρχομαι, „hinausgehen“ – aus dem Haus, um dem erwarteten Bräutigam Ehrengeleit zu geben und ihm den Weg zu erleuchten (die Fackeln zeigen, dass eine Ankunft nach Einbruch der Dunkelheit erwartet oder für möglich gehalten wird). Das Verb ἔρχομαι „kommen“ bzw. „gehen“ mit den verschiedenen Präpositionen ist für die Bewegungen in diesem Gleichnis wichtig, s. V. 6 (Imperativ), V. 10 vom Kommen des Bräutigams u. vom „Hineingehen“ (εἰσῆλθον: formal identisch mit ἐξῆλθον, d. h. das Hinausgehen vollendet sich im Hineingehen), V. 11 vom Zuspätkommen.
εἰς ὑπάντησιν τοῦ νυμφίου „zur Begegnung/Einholung des Bräutigams“. ὑπάντησις (im NT nur noch in Mt 8,34
V. 4 ἐν τοῖς ἀγγείοις, Dativ Plural von τὸ ἀγγεῖον, „(kleines) Gefäß“ – nur hier im NT (als Lesart in Mt 13,48
V. 5 χρονίζειν „Zeit zubringen“, „verzögern“; im MtEv nur hier und in 24,48.
ἐνύσταξαν Aorist Indikativ Aktiv von νυστάζω „(ein)nicken“, „schlafen“ (nur hier und 2Petr 2,3). In der LXX-Fassung von 2Sam 4,6 heißt es, dass „die Türhüterin des Hauses eingenickt war und schlief (ἐνύσταξεν καὶ ἐκάθευδεν)“, sodass Mörder eindringen und den Hausherr töten konnten (anders der Gott Israels, s. Ps 121,3
V. 6 ἰδοὺ ὁ νυμφίος, ἐξέρχεσθε (Imperativ Aorist Medium) εἰς ἀπάντησιν: ἰδού „siehe!“ ist bei Mt in der Regel bewusst gebraucht, um ein epiphanes Geschehen anzudeuten. Auch ἀπάντησις (s. o. zu V. 1) gehört zum Vokabular der Epiphanie, wie 1Thess 4,17 zeigt (dort ist der wiederkommende Kyrios gemeint). D. h. das alltägliche Geschehen der Hochzeit wird sprachlich transparent für die Parusiechristophanie. Darum kann ἰδού hier eine doppelte Bedeutung haben: es hat als Aufmerksamkeitsruf seinen sinnvollen Platz in der Erzählung („Auf jetzt, der Bräutigam…“), und es kann als Transfersignal – aus dem Gleichnis heraustretend – auf die wahre Epiphanie des himmlischen Bräutigams verweisen (vgl. Mt 24,15
V. 7 ἐκόσμησαν von κοσμέω, „ordnen“ bzw. „schmücken“; bei Öllampen ginge es um das Befreien des Dochtes von seinen verkohlten Teilen und das Nachgießen des Öls in die Lampe (so Dalman, 271); bei Fackeln wäre es das erneute Tränken der Lumpen mit Öl, damit sie wieder hell brennen (Lohfink, Vierzig Gleichnisse, 172.).
V. 8 σβέννυνται, Präsens Medium/Passiv von σβέννυμι „auslöschen“, im Passiv „erlöschen“, „ausgehen“ (6-mal im NT, bei Mt nur hier und 12,20).
V.9 μήποτε („nicht doch“) bei Mt häufig (25-mal im NT, davon 8-mal bei Mt: 4,6; 5,25; 7,6; 13,15.29; 15,32; 27,64). In allen Fällen außer hier immer im Sinne von „damit nicht etwa“ (das nachfolgend Geschilderte eintritt) und ohne zusätzliche Negation; hier der einzige mt Beleg in der Verwendung als verstärkende Verneinung von etwas, dessen Eintreten befürchtet wird.
V. 10 zum Verschließen der Tür s. Mt 6,6
V. 11 κύριε κύριε („Herr! Herr!). Diese Verdoppelung des Kyrie ist auffällig: bei Mt nur hier und 7,21f. (zweimal), dazu noch Lk 6,46
V. 12 Vgl. 7,23: auch da „kennt“ Jesus die nicht, die zu ihm „Herr! Herr!“ sagen (vgl. Mt 10,32f.
V. 13 γρηγορεῖτε („seid wachsam!“) ist ein Imperativ, der so schon in 24,42 als Aufruf zur Aufmerksamkeit in Bezug auf das Kommen des Menschensohnes (das seit 24,29 Thema ist) vorkommt. Während 24,42 mit einem kurzen Gleichnis über einen unerwarteten nächtlichen Einbruch illustriert wird, wird hier das längere Gleichnis V.1–12 über ein erwartetes nächtliches Kommen mit diesem Ruf abgeschlossen. Mt 24,42-2
2. Literarische Gestaltung
Zur Gattung: Mt 25,1-13
Zum näheren Kontext s. die Bemerkungen zu V. 13. Es ist das zweite Hochzeitsgleichnis bei Mt nach 22,1–14. In beiden Gleichnissen geht es darum, „(vor-)bereit(et)“ zu sein, wenn der Brautvater ruft bzw. der Bräutigam kommt. Die enge Verbindung der beiden Gleichnisse zeigt sich in der Verwendung von ἔτοιμος („bereit“), das in 22,4.8 (par. Lk 14,17
3. Kontext und historische Einordnung
Das Gleichnis kann 1. als historisch plausibles Geschehen im 1. Jahrhundert und 2. als Aussage des historischen Jesus (bzw. der frühen Gemeinde) eingeordnet werden.
1. Der erzählte Handlungsablauf ist nicht eindeutig rekonstruierbar, auch wenn er Elemente jüdischer und griechisch-römischer Hochzeitsbräuche aufnimmt. Es geht entweder um die nächtliche Heimkehr des Bräutigams (mit seiner Braut, die aber nie erwähnt wird) in sein eigenes Haus und die 10 Jungfrauen bilden eine Art Ehrenspalier, das ein sicheres Gehen in der dunklen Stadt ermöglichen soll. Oder der Bräutigam holt seine Braut im Haus ihrer Eltern ab (vgl. 1Makk 9,37.39, wo der Bräutigam allerdings gar nicht mehr ankommt; s. auch Lohfink, Vierzig Gleichnisse, 120–122) bzw. ist auf dem Weg zum Hochzeitsort, an dem Braut und Hochzeitsgesellschaft warten. Die für das Gleichnis wichtige nächtliche Situation ist Ursache für die Bereithaltung von Fackeln und Öl, zugleich aber der Grund für die Mehrdeutigkeit, weil eine Hochzeit nicht in der Nacht beginnt. Es ist aber nicht nötig, dass die einzelnen (als solche realistischen) Elemente auch als Gesamtes eine realistische Zeremonie abbilden, weil auch andere Gleichnisse realistische Einzelelemente zu unrealistischen Gesamtabläufen verbinden (etwa das Gleichnis des barmherzigen Samariters). Entscheidend ist, dass die brennenden Fackeln eine notwendige Voraussetzung für das Einholen des Bräutigams sind. Da es keine Straßenbeleuchtung gab, waren nächtliche Wege gefährlich und alle, die unterwegs waren, mussten für ihre eigene Beleuchtung sorgen. Wer es sich leisten konnte, ließ sich von einem Diener ein Licht voraustragen; erwartete man Gäste, gehörte es dazu, den Weg zum Ziel durch dafür abgestellte Personen zu illuminieren, vgl. Apuleius, Metamorphosen, 2,32,1: „Aber als wir die erste Straße wandern, wird plötzlich das Licht, auf das wir uns verließen, durch einen Windstoß ausgelöscht, so dass wir nur mit Mühe aus dem Nebel der undurchdringlichen Nacht herausfanden und müde zu unserem Quartier zurückkamen; die Zehen hatten wir uns freilich dabei an den Steinen abgestoßen“ (zit. b. Seidel, S. 22, Anm. 91). Gerade im Zusammenhang mit Hochzeiten gibt es viele Texte aus dem antiken Kontext, die Fackeln erwähnen, die den Weg beleuchten bzw. den Hochzeitszug begleiten (Beispiele in NW I/1.2 [2], 648f.657–659).
2. Das Gleichnis als Aussage des historischen Jesus: Gleichnisse gelten weithin als „Urgestein“ oder „Zentrum der Verkündigung Jesu“ (Belege bei Zimmermann, Parabel, 54), so dass deren Echtheit als Worte Jesu seltener bestritten wird, als das bei anderen Jesusworten der Fall ist. Dennoch gibt es gerade gegen das hier vorliegende Gleichnis, das zum matthäischen Sondergut gehört, Vorbehalte. Hauptgrund ist, dass der erwartete Bräutigam zu eindeutig auf den „Parusiechristus“ verweist. Für Bultmann etwa war das Gleichnis „eine völlig von der Allegorie überwucherte Gemeindebildung mit stark angedeuteter Beziehung auf die Person Jesu“ (GST, 125). Mit anderen Worten: das Gleichnis setzt – wenn es von Jesus in etwa der vorliegenden Form erzählt worden ist – voraus, dass er damit rechnete, nach seinem Weggang (Tod und Auferstehung) wiederzukommen, um über die Menschen Gericht zu halten (was auch in 24,50f.; 25,19.31 vorausgesetzt ist). Wo ein solches Wissen Jesu über sein zukünftiges Wirken abgelehnt wird (s. unten), wird das Gleichnis, wenn es auf Jesus zurückgeführt wird (wie z. B. bei Ulrich Luz), anders interpretiert: Dann wird der Bräutigam mit Gott und die Hochzeit mit der „Heilszeit der Gegenwart Jesu“ verbunden. Die angenommene Pointe ist dann: „Wer nicht vorbereitet ist, kann diesen Kairos der Freude auch verpassen!“ (U. Luz, EKK I/3, 473). Für Lohfink ist Lk 13,24-27
Der eigentliche Grund für diese doppelte Interpretation (Gott als Bräutigam bzw. Jesus als Bräutigam) liegt darin, dass die historisch-kritische Forschung sich schwer damit tut, dem historischen Jesus Aussagen über seinen Tod hinaus und die Erwartung eines zukünftigen Wirkens zuzuschreiben. Denn solche Aussagen setzen ein Selbstverständnis bei Jesus voraus, welches sein Tun im göttlichen Wirkungsbereich verortet. Das ist aber präzise der Inhalt der matthäischen Immanuel-Christologie (die dieser in Mt 1,23
Andere lehnen das Gleichnis dagegen ob seines Inhalts rundweg ab, da es traditionelle Werte zu unterstützen scheint (wer sich vorbereitet, hat Erfolg und wird belohnt), während man von Jesus erwartet, dass er „against the social and religious grain“ agiert (R. W. Funk et al., The Five Gospels, 254). Auch dass Jesus „drinnen“ feiert, während „draußen“ die Verspäteten vergeblich an die Tür klopfen und brüsk abgewiesen werden, entspreche nicht dem historischen Jesus. Nach Robert Funk und dem „Jesus Seminar“ ist die gesamte Zusammenstellung von Mt 24,37
4. Schwerpunkte der Interpretation
Ziel des Gleichnisses ist es, bereit zu sein (V. 13) für die Begegnung mit dem „Bräutigam“, um dann „mit ihm zur Hochzeit hineinzugehen“ (V. 10). Das „Hineingehen“ zur Hochzeit ist eine weitere Weise, das „Hineingehen“ ins Himmelreich (Mt 5,20
5. Theologische Perspektivierung: Von der Exegese zur Predigt
Das Gleichnis bekommt seine Dramatik durch die Parusieerwartung: der auferstandene Herr kommt wieder in diese Welt und erwartet, dass die, die zu ihm „Herr“ sagen, bereit sind bzw. bis „zum Ende“ durchgehalten haben (in Mt 24,13
Zugleich stellt dieses Gleichnis (vgl. oben 3.) aber auch vor die Frage aus Mt 13,10f.
Literatur
- Dalman, G., Arbeit und Sitte in Palästina, Bd. 4: Brot, Öl und Wein, Gütersloh 1935 Hildesheim 1964).
- Keener, Craig S., Wedding Torches, Journal of Greco-Roman Christianity and Judaism / JGRChJ 16 (2020), 200–204 [http://jgrchj.net/volume16/JGRChJ16_10_Keener.pdf].
- Lohfink, Gerhard, Die vierzig Gleichnisse Jesu, Freiburg 2020, 167–171.
- Peppard, Michael, Torches, Not Lamps, in the Wedding Parable of Matthew 25, Journal of Biblical Literature 143 (2024), 663–679.
- Zimmermann, R., Parabeln in der Bibel. Die Sinnwelten der Gleichnisse Jesu entdecken, Gütersloh 2023 (zu Mt 25,1-13
s. 255–279). - –––, Das Hochzeitsritual im Jungfrauengleichnis. Sozialgeschichtliche Hintergründe zu Mt 25
.1–13, NTS 48 (2002), 48–70. - Zwickel, Wolfgang, Keramik im Neuen Testament, in: Judäa und Jerusalem. Leben in römischer Zeit, hg. v. J. Schefzk u. ders., Stuttgart 2010, 129–133.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Dieses Gleichnis hat es schwer bei mir. Aus historischen und persönlichen Gründen hadere ich mit Geschichten, in denen Mädchen dumm sind oder sich vermeintlich dumm verhalten und deswegen von irgendetwas ausgeschlossen werden – zum Beispiel vom Feiern wie in diesem Gleichnis oder – wenn wir weiterdenken – vom Wählen, vom Studieren, vom Predigen und Regieren.
Allerdings hat mir die Exegese auch ein Detail erschlossen, das mir einen neuen Zugang zu dieser Geschichte eröffnet. Ich war bislang davon ausgegangen, dass die Lampen bzw. Fackeln und ihre Trägerinnen primär eine rituell-ästhetische Funktion für den Hochzeitszug haben. Doch nun erfahre ich: Das Licht und die Lichtträgerinnen haben die Aufgabe, den Bräutigam in der Dunkelheit zu beschützen. Sie sind immens wichtig. Und das ist dann doch auch ein theologisch interessanter Erzählzug, finde ich.
2. Thematische Fokussierung
Es könnte sicher ergiebig sein, unser sperriges Gleichnis umfassend auf seine lebensweltlichen Bezüge hin abzuklopfen. Das Bildfeld Hochzeit etwa bietet dafür mannigfaltige Anknüpfungspunkte.
Allerdings ist die Geschichte ja nun einmal als Predigttext für den Ewigkeitssonntag vorgesehen. Dessen Proprium hebt zwar im Vergleich zum Totensonntag weniger auf das Totengedenken ab und wagt stattdessen den Ausblick in die Ewigkeit Gottes. Erfahrungsgemäß handhaben Liturginnen und Gottesdienstleiter diese Unterscheidung aber nicht besonders streng. Von daher ist es ein realistisches Szenario, dass dieser Text auf eine Gottesdienstgemeinde von Menschen trifft, die in den vergangenen zwölf Monaten jemanden verloren haben, der ihnen sehr nahestand.
Wie werden diese Angehörigen die Geschichte hören? Vermutlich beziehen sie das Erzählte auf sich und denken vielleicht darüber nach, von welchem eigenen oder fremden ‚Öl‘ sie bei der Sterbebegleitung oder in ihrer Trauer gezehrt haben oder immer noch zehren. Vielleicht hören sie den biblischen Text auch als Appell, die ihnen selbst noch vergönnte Lebenszeit anders zu nutzen als bisher. Vielleicht fragen sie sich aber auch, ob die ‚Ölvorräte‘ ihres bzw. ihrer lieben Toten am Ende ausgereicht haben. Ob der himmlische Bräutigam ihnen nach dem Tod die Tür aufgemacht hat oder eben nicht. Möglicherweise docken einige Hörer auch an das Thema eines existenziell empfundenen “Zu-Spät-Kommens” an.
3. Theologische Aktualisierung
Das Gleichnis mündet in den Appell „Seid wachsam“ (γρηγορεῖτε) und das bedeutet im Kontext dieser Geschichte offenbar nicht: „Schlaft nicht ein!“ (anders als in der Gethsemaneepisode Mt 26,38
4. Anregungen
Ich könnte mir vorstellen, dass man in der Predigt am Ewigkeitssonntag insbesondere dem Motiv des Öls nachgeht, weil es (jedenfalls wenn man es zunächst nicht strikt als Brennöl versteht) auf der stofflichen Ebene Bezüge zum Thema Tod, Sterben und Trauer aufweist: Hospize und Palliativstationen arbeiten mit Duftölen. Es gibt auch im evangelischen Bereich die Möglichkeit, Sterbende zu salben. Und bei der hygienischen Totenversorgung durch die Bestattungsinstitute spielt – so viel ich weiß – ebenfalls das Eincremen des toten Körpers eine Rolle. Freilich wäre dann von dieser Assoziationsebene aus die Brücke zu einem geistlichen Verständnis des Öls zu schlagen, in aller Offenheit und seelsorgerlichen Sensibilität, die es angesichts der besonderen Gemeinde braucht.
Autoren
- Prof. Dr. Roland Deines (Einführung und Exegese)
- Dr. Kathrin Mette (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500151
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